Drei Personen stehen umringt von diversen Pflanzen in einem Wohnquartier. Im Hintergrund sind große Mehrfamilienhäuser zu sehen. Foto: Felix Seyfert

Stadtnatur im Quartier: Wachsen und wachsen lassen

Wildblumenwiesen, Habitatbäume, Urban Gardening und vieles mehr: Die Gewobag macht ihre Grünanlagen fit für die Herausforderungen des Klimawandels. Wie Natur und Nachbarschaft davon nachhaltig profitieren? Das zeigt ein Rundgang durchs Quartier Tegel Süd.

„Riechen Sie das? So riecht eine Pappel!“ Filip Stahl ist die Begeisterung für Bäume anzumerken. Anfang Juni inspiziert der Baumkontrolleur der Firma WISAG das Gewobag-Quartier Tegel Süd. Damit hat er einiges zu tun, schließlich gibt es auf dem großen Gelände viele unterschiedliche Grünflächen. Wer mit ihm unterwegs ist, lernt schnell: In Bäumen steckt weit mehr, als man gemeinhin denkt.

Besseres Mikroklima dank gesundem Stadtgrün

Bäume spenden Schatten, sorgen für Abkühlung und bieten unterschiedlichsten Tierarten einen Lebensraum – selbst dann, wenn einzelne Äste abgestorben sind. „Manche Insekten brauchen trockenes Totholz im Baum, um sich entwickeln zu können“, erklärt Filip Stahl, als er vor einem Sophora-Schnurrbaum steht. „Abgestorbene Äste, die keine Gefahr darstellen, bleiben deshalb am Baum und erhalten so wichtige Lebensräume.“

Auch die Robinie, die ein paar Meter weiter am Rand des Quartiers steht, ist so ein Beispiel. Stahl zückt einen Hammer und klopft vorsichtig auf den Baumstamm. „Klingt hohl“, sagt er und zieht die Augenbrauen hoch. „Hier sehen wir richtige Rindenplatten, unter denen sich ein kleiner Spalt befindet, in dem Insekten leben.“ Weil keine anderweitigen Schadsymptome erkennbar sind, sieht der Experte keinen Handlungsbedarf. Denn: „Auch ein geschwächter Baum leistet noch einen wichtigen Beitrag für das Ökosystem.“

Selbst ein Baumstumpf, der etwa einen Meter aus dem Boden herausragt, leistet im Quartier wertvolle Dienste. Früher hätte man den Baumstumpf herausgerissen und entsorgt; heute bleibt er erhalten, um das Ökosystem zu unterstützen. „So ein Baumstumpf stellt für viele Arten immer noch einen Lebensraum dar und ist extrem wichtig“, sagt Filip Stahl. „Hier können Käfer, Insekten und Pilze existieren, deswegen lassen wir diese Stümpfe bewusst in der Erde.“ Dasselbe gilt für sogenannte Habitatbäume – Baumtorsos mit einer Höhe von zwei bis vier Metern.

Nachhaltiges Grünflächenkonzept

Der Klimawandel mit seiner zunehmenden Trockenheit hat die Anforderungen an Grünanlagen spürbar verändert. Um ihre Funktionen für Mensch, Tier und Stadtklima zu erhalten, setzt die Gewobag auf eine nachhaltige Strategie.

Statt auf intensiver Pflege und umfangreicher Bewässerung liegt der Fokus auf naturnahen Maßnahmen. Beispiele finden sich in der Nutzung regionaler Pflanzenarten, in behutsamen Gehölzschnitten, in Wildblumenwiesen oder der Verwertung von Laub und Totholz als natürlichem Dünger. Das Ziel: gesunde, klimaresiliente Grünflächen, von denen die Nachbarschaft langfristig profitiert.

Darüber hinaus haben MieterInnen die Chance, eigenverantwortlich kleine Grünflächen zu gestalten. Wichtig: Vorab muss eine Abstimmung mit dem jeweiligen Quartiersmanagement erfolgen. Durch eine Urban-Gardening-Vereinbarung sind schon viele tolle Gartenprojekte entstanden.

Zwei Millionen Quadratmeter mit 27.000 Bäumen

Das entspricht ganz dem Gewobag-Konzept, die Grünflächen in den Quartieren nach und nach ökologisch zu transformieren. „Wir wollen so viel Naturraum wie möglich schaffen, also Grünflächen nachhaltig mit einer vielfältigen Flora und Fauna aufwerten, die der Überhitzung unserer Quartiere entgegenwirkt“, sagt Sören Petzold aus dem Technischen Qualitätsmanagement der Gewobag. Klar ist jedoch auch: Die Bedarfe der Mieterschaft haben nach wie vor Priorität. Der Zugang zu Wäscheplätzen oder Aufenthaltsbereichen wird zum Beispiel nicht beeinträchtigt, hier bleibt der Rasen klassisch kurz. Aspekte wie Verkehrssicherheit, Brandschutz oder die Vermeidung von Angsträumen haben ebenfalls Vorrang.

Gemeinsam mit Sören Petzold setzt Filip Stahl seinen Rundgang fort. „Wir haben in Berlin über zwei Millionen Quadratmeter Grünfläche und 27.000 Bäume im Bestand“, erklärt Petzold. „Wenn wir diese Flächen umgestalten, etwa mit Wildblumenwiesen statt Rasenflächen, dann hat das eine große Hebelwirkung für die ganze Stadt. Wir sehen darin eine Verpflichtung, denn auch wir müssen lernen, dem Klimawandel auf allen Ebenen mit mehr Nachhaltigkeit zu begegnen.“

Wie das aussehen kann? Das ist in Tegel Süd schon gut zu erkennen. Das Gras steht auf einigen Grünflächen deutlich höher als früher, unter vielen Sträuchern und auf Blumenbeeten liegt Mulch. Das sind Schichten mit kleinen Holzstücken oder Baumrinde, die Böden vor dem Austrocknen schützen. „Wir haben mit unserer neuen Strategie der ökologischen Aufwertung die Chance, Feuchtigkeit zu binden. Pflanzen und Bäume bleiben dadurch gesünder und sorgen so auch für Abkühlung“, betont Petzold.

Fassadenbegrünung als „Klimaanlage“

Ein weiterer Punkt ist die Fassadenbegrünung. Auch dieses Konzept wird im Quartier bereits umgesetzt, steckt aber noch ein wenig in den Kinderschuhen. Zwischen Hochhauswänden mit kunstvollen Graffiti gibt es eine fensterlose Wand mit einer Efeupflanze, die schon mehrere Stockwerke hochgerankt ist. „Das verschönert nicht nur die Gebäude, es kühlt das Areal auch spürbar runter“, sagt Sören Petzold. „Das ist ein Thema, das wir in unseren Quartieren noch weiter ausbauen wollen.“

Wer durch das Quartier spaziert, sieht mehr Blüten, bunte Säume (Übergangszonen zwischen Rasen/Wiesen und Gehölzen, Anm. d. Red.), vielfältige Bäume und kaum noch streng gestutzte Hecken, stattdessen mehr natürlich wachsende Sträucher. „Wir haben jetzt viel mehr blühende Pflanzen als vorher“, bestätigt Cordula Bartylla vom Gartendienstleister 3B, die seit vielen Jahren im Auftrag der Gewobag für die Grünanlagenpflege zuständig ist.

Eine große Häuserwand, an der Efeu emporwächst. Foto: Felix Seyfert
Fassadenbegrünung hat einen positiven Einfluss auf das Mikroklima. Foto: Felix Seyfert

„Früher haben wir viel mehr weggeschnitten, jetzt lassen wir der Natur dort, wo es möglich ist, stärker ihren Lauf. Das macht sich positiv bemerkbar – vor allem auch durch mehr Insekten, die die Gärten bereichern. Den allermeisten gefällt das neue Konzept, in manchen Quartieren wünschen sich die MieterInnen explizit Wildblumenwiesen und kümmern sich dann auch mit darum.“ Gleichwohl gibt es auch MieterInnen, die sich an die neue Ästhetik erst gewöhnen müssen. Nur verständlich, schließlich sind sie über Jahrzehnte an Grünflächen gewöhnt, die ganz anders bewirtschaftet wurden.

Dennoch: Der ökologische Kurs hat schon echte Fans gefunden, auch Bartyllas Kollege Christian Friedmann sieht die positiven Effekte: „Für das Mikroklima ist es sehr wichtig, naturbelassene Grünflächen zu haben. Eine Wildblumenwiese kühlt die Umgebung um mehrere Grad Celsius runter.“

Urban-Gardening-Projekte aus der Mieterschaft

Ein paar Meter weiter sind einzelne Beete angelegt, die mit Steinen begrenzt sind. Hier gibt es keine strenge Sortenreinheit, sondern eine wilde und damit artenreiche Mischung an Blumen und Sträuchern. „Das ist kein Gewobag-Beet, sondern eins, um das sich Menschen aus dem Quartier kümmern“, erklärt Sören Petzold. „Wir begrüßen es sehr, wenn Mieterinnen und Mieter sich engagieren wollen, denn das erhöht die Biodiversität in unseren Grünanlagen. Wer möchte, darf gern sein persönliches Urban-Gardening-Projekt gestalten.“ Infrage kommen hierfür vor allem Beete in Gebäudenähe, etwa zwischen zwei Hauseingängen.

Noch sind längst nicht alle Grünflächen der Gewobag ökologisch aufgewertet, aber es geht voran. Dass die Umgestaltung Zeit benötigt, ist jeder Hinsicht natürlich. „Was wir heute tun, schlägt sich nicht sofort nieder“, erklärt Qualitätsmanager Sören Petzold. „Eine Wildblumenwiese, die wir jetzt anlegen, braucht zwei, drei Jahre, bis sie wirklich in voller Pracht dasteht. Wir sind noch lange nicht am Ziel, aber auf einem guten Weg.“

Titelfoto: Felix Seyfert

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