Zweigeteiltes Bild: links mehrere kleine Collagen, die auf einem Tisch liegen, rechts eine bemalte Hauswand in collageartigem Stil. Fotos: Ludger Paffrath

Aus kleinen Collagen wird große Kunst

In der Charlottenburger Paul-Hertz-Siedlung ist durch das Mitwirken von SchülerInnen eine weitere markante One Wall entstanden. Die Einweihung zeigt: Das Bild verströmt verbindende Kraft – und transportiert eine wichtige Botschaft.

Das freundliche Herbstwetter der vorherigen Tage hatte sich zwar weitgehend verabschiedet, doch pünktlich zum Beginn der Einweihungsveranstaltung kommt vor der neuen One Wall in der Charlottenburger Paul-Hertz-Siedlung die Sonne hervor. Die Regenschirme können an diesem Donnerstagvormittag Anfang Oktober in den Taschen bleiben – stattdessen erkunden die rund 80 Gäste, die sich auf der kleinen Grünfläche an der Ecke Delpzeile/Bernhard-Lichtenberg-Straße eingefunden haben, das Fassadenkunstwerk mit neugierigem Blick und hören bei den folgenden Reden aufmerksam zu. Was es mit diesem besonderen Wandgemälde des Künstlers Dima Korma auf sich hat? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was zeigt das Kunstwerk?

Kormas collagenartige One Wall erstreckt sich über vier der fünf Geschosse des Hauses Delpzeile 4. Zu sehen sind unter anderem ein Porträt des katholischen Geistlichen Bernhard Lichtenberg, seine Unterschrift, ein Blumenmotiv sowie als weiteres zentrales Element ein Zitat von ihm: „Ich bekämpfe falsche Grundsätze, aus welchen falsche Tatsachen entstehen müssen (…)“.

Wer war Bernhard Lichtenberg?

Der katholische Priester, geboren 1875 in Ohlau/Schlesien, war Dompfarrer sowie Dompropst in Berlin. Lichtenberg setzte sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten öffentlich für verfolgte Juden und andere Opfer des Regimes ein. 1941 wurde er verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Nach dem Ende der Haft sollte er ins Konzentrationslager Dachau gebracht werden. Er verstarb während des Transports am 5. November 1943 in Hof. Im Jahr 1996 sprach ihn Papst Johannes Paul II. selig.

Wer war bei der Gestaltung beteiligt?

Gestaltet hat das Wandgemälde der in Berlin lebende Künstler Dima Korma (1988 in der Ukraine geboren). Korma hatte zuvor mehrtägige Workshops mit Schülerinnen und Schülern der quartiersnahen Anna-Freud-Schule durchgeführt. Zwölftklässlerin Leandra Gürgen war Teil des Projekts. „Einige von uns haben zum ersten Mal von Bernhard Lichtenberg gehört“, sagt sie, „aber uns ist schnell klar geworden, was für eine besondere Person er war.“ Künstler Korma betont: „Besonders wichtig war es mir, die in den Workshops entstandenen Ideen aufzugreifen und in eine eigene künstlerische Sprache umzusetzen.“

Warum ist es wichtig, an Bernhard Lichtenberg zu erinnern?

„Das Mural erinnert uns an einen Menschen, der Haltung gezeigt hat, als Haltung Mut erforderte“, sagt Daniel Aschheim, Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der israelischen Botschaft in Berlin. Schüler Levi Schaufert hebt hervor: „Für Bernhard Lichtenberg durfte es keinen Unterschied machen, welchen Glauben ein Mensch hatte. Wenn Menschen verfolgt, unterdrückt oder getötet wurden, gebot sein Glaube zu helfen. Das tat er immer und immer wieder.“

Welchen Hintergrund hat das Kunstwerk?

Die One Wall für Bernhard Lichtenberg ist die vierte dieser Art im Quartier. Es gibt sie bereits für das Ehepaar Harald und Dorothee Poelchau, Maria Terwiel und die Familie Heilmann. Das Projekt fand im Rahmen der Kooperation zwischen der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, der israelischen Botschaft und der Gewobag-eigenen Stiftung Berliner Leben statt.

Wie sind die Reaktionen aus der Nachbarschaft?

Sehr positiv. Margrit Reismann-Domrös und Peter Krug wohnen seit Jahrzehnten in der Nähe. Reismann-Domrös sah am Vormittag vom Balkon aus, dass die Einweihung schon läuft und kam schnell herüber: „Ich finde es toll, dass es diese Bilder gibt und die mutigen Menschen nicht vergessen werden.“

Krug, der im Mieterbeirat Charlottenburg-Nord tätig ist, wünscht sich sogar Führungen zum Thema, „damit die Leute noch mehr über die Geschichte zu den Wandbildern erfahren“. Auch Monika Matthes aus der Delpzeile würde es „sehr begrüßen, wenn noch weitere Bilder entstehen“. Zudem hat sie beobachtet, dass die drei bereits existierenden One Walls nach wie vor in ihrer ursprünglichen Form zu sehen sind – ohne Graffiti oder Kritzeleien. 

Was ist das Besondere an den One Walls?

Statt in Museen ist Kunst durch One Walls im öffentlichen Raum sichtbar. „Erinnerungskultur findet hier im Alltag der Menschen im Quartier statt“, sagt Constanze von Marlin von der Stiftung Berliner Leben. Auch Christine Müller-Botsch, stellvertretende Direktorin der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, sieht in der Fassadenkunst Anregung „zum Gespräch über die Vergangenheit und die Gegenwart“. Darüber hinaus haben One Walls das Potenzial, die Identifikation der BewohnerInnen mit ihrem Quartier zu stärken – gerade dann, wenn die Menschen vor Ort an der Entstehung beteiligt sind.

Was lässt sich aus der Geschichte für die Gegenwart lernen?

Zum Ende ihres Redebeitrags sagt Schülerin Leandra Gürgen mit Blick auf das Leben Bernhard Lichtenbergs: „Mut bedeutet, trotz Angst das Richtige zu tun. Wir können die Vergangenheit nicht verändern, aber entscheiden, wie wir aus ihr lernen und die Gegenwart gestalten. Wir können uns dafür entscheiden, nicht wegzuschauen, Menschen mit Respekt zu begegnen und aus den richtigen Grundsätzen heraus zu handeln.“

Titelfoto: Ludger Paffrath

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