Drohnenaufnahme: eine große, bunt bemalte Häuserfassade an einem Hochhaus. Foto: Felix Seyfert

Nächste One Wall in Spandau: Großes Eis an der Wand, kleines Eis in der Hand

Vier Beteiligungsevents, Input von mehr als 150 Nachbarinnen und Nachbarn: Mit einem gigantischen Fassadenkunstwerk hat das Quartier Falkenhagener Feld Ende August einen neuen Anstrich bekommen. Bei der Einweihung wird deutlich: Hier geht’s um weit mehr als um bunte Farben.

Das Staunen nimmt fast kein Ende. Serafina (8) und Stacey (9) haben ihre Köpfe in den Nacken gelegt und blicken die Häuserfassade am Kraepelinweg 3 hinauf. Dort prangt seit Ende August eine fast 30 Meter hohe Eistüte auf zwei Beinen. Die gigantische Eiswaffel mit drei Kugeln Speiseeis ist ohne Frage der neue Blickfang des Spandauer Quartiers. Serafina ist begeistert. „Die sieht so schön bunt aus“, sagt sie.

Gemalt hat die One Wall der international bekannte Künstler Jim Avignon. Gemeinsam mit ihm entstanden in Spandau bereits zwei großflächige Community Walls unter dem Leitmotiv „gute Nachbarschaft“ – eine davon im Kraepelinweg 15, die andere im Spektefeld 32/34.

Am 28. August fand im Kraepelinweg 3 die feierliche Einweihung der ersten One Wall im Falkenhagener Feld statt. Die zuvor graue Fassade leuchtet bis auf die Falkenseer Chaussee und ist sowohl von den umliegenden Bushaltestellen als auch aus dem Auto gut zu sehen. „Die Fläche bringt einfach Farbe in die Landschaft“, sagt Ruby Eshun, Projektreferentin der von der Gewobag gegründeten Stiftung Berliner Leben.

Ein Love Letter für das Quartier

Im Rahmen von vier Beteiligungsveranstaltungen befragten die Gewobag und die Stiftung Berliner Leben die Mieterschaft zum Thema „Nachbarschaft verbindet“. Über 150 Kinder, Jugendliche und Erwachsene trugen ihre Lieblingsorte zusammen oder notierten, wie sie gern ihre Zeit verbringen. „Gemeinsame Feiern wurden oft genannt, außerdem der Fußballplatz“, verrät Xenia Müller, Referentin Stadtraum!Plus im Falkenhagener Feld. Deshalb findet sich auf dem Bild auch ein Fußballplatz, eine Gitarre und ein DJ-Pult. Außerdem gibt es eine Herz-Figur, die einen Brief in eines der Fenster an der Hauswand steckt.

„Der Love Letter war die Idee des Künstlers“, sagt Xenia Müller. Die Projekte sind Teil des Ausstellungskapitels „Love Letters in the City“ des URBAN NATION Museums und verbinden zeitgenössische Kunst mit aktiver Beteiligung. Die entstehenden Wandbilder erzählen von Gemeinschaft, Vielfalt und den Menschen, die das Quartier prägen.

Motivideen aus der Mieterschaft

Neben den Befragungen legten die Gewobag und die Stiftung Berliner Leben bei allen vier Community-Veranstaltungen in den vergangenen zwei Monaten außerdem Vorlagen der Hauswand aus. Auf den kleinen Skizzen konnte die Anwohnerschaft ihre Fassadenträume in Miniaturform verwirklichen, um sie dem Künstler mitzugeben. Bilder wurden gemalt.  „Zuerst empfand ich das als leicht übergriffigen Eingriff in meine künstlerische Autonomie, aber dann entschied ich mich für eine Flucht nach vorne und beschloss, ausschließlich die Wünsche der Kinder zu malen“, schreibt Avignon auf seiner Facebook-Seite.

„So ein Partizipationsprojekt ist auch für einen Künstler etwas Neues. Schön, dass er sich darauf eingelassen hat“, sagt Ruby Eshun. Ein Wunsch war tatsächlich die gigantische Eistüte. Ein Mädchen hatte sie während der Gestaltung der Community Wall im Spektefeld auf die ausgelegte Skizze gemalt.

Grund dafür war das leckere Eis von Thomas Schröder. Im Quartier als der Eiskrem-Freund bekannt, ist Thomas Schröder bereits seit über zehn Jahren mit seinem Nostalgie-Eisfahrrad in Spandau unterwegs. Auch bei der Gestaltung der Community Wall im Spektefeld verteilte er die bunten Kugeln in Waffeln. „Einem Mädchen hat das Eis so gut geschmeckt, dass sie es auf ihrer Skizze über die gesamte Hausfassade gezeichnet hat“, erzählt Xenia Müller.

Künstler Jim Avignon übernahm ihre Vorlage. Thomas Schröder, der bei der feierlichen Eröffnung mit seinem Eisfahrrad direkt vor der One Wall steht, kann es kaum glauben. „Ich war richtig gerührt, als ich davon gehört habe“, sagt er. Die Kinder im Kiez sagen: „Sie sind unser Held!“, da er nicht nur bei gebuchten Veranstaltungen Eis verteilt, sondern manchmal auch eine Tüte bei einer Spazierfahrt durch die Nachbarschaft verschenkt.

Mitgestaltung stärkt Identifikation

Fast wie ein Geschenk wirkt auch das, was der Graffitikünstler und Sozialarbeiter Sinan Dur während der Eröffnungsfeier der One Wall ermöglicht. Der gebürtige Spandauer hilft den Kids im Quartier während des Events dabei, die Parkhaus-Fassade gegenüber der One Wall zu verschönern. Die sogenannten Outlines hat er vorgezeichnet. Nun können die Kinder und Jugendlichen selbst mit Spraydosen und Mundschutz ans Werk gehen.

Der acht Jahre alte Pavlos ist zunächst etwas ängstlich: „Ich habe das noch nie gemacht. Was passiert, wenn ich übermale?“, fragt er und verteilt nach etwas Zuspruch hochkonzentriert die gelbe Farbe an der Wand. Wenige Minuten später tritt er zurück, blickt stolz auf sein Werk und sagt: „Ich finde, ich habe das echt gut gemacht.“ Auch der zehn Jahre alte Bosaimon strahlt, nachdem er eine große Fläche präzise mit himmelblauer Farbe besprüht hat. Er sagt: „Das hat so viel Spaß gemacht. Vielleicht kann ich das nächste Woche meiner Lehrerin zeigen.“

Das eigene Wohnumfeld aktiv mitzugestalten ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, der die Identifikation mit dem Quartier spürbar steigern kann. „Für uns ist es sehr wichtig, dass Sie sich als Mieterinnen und Mieter in unseren Quartieren wohlfühlen“, sagt Sven Harke-Kajuth, Bereichsleiter Konzern-Services und Personal der Gewobag, bei seiner Rede zur Einweihung. Und da er sich bewusst ist, dass die Teilnehmenden lieber aktiv sein wollen als langen Ausführungen zu lauschen, schließt er schon bald mit den Worten: „Lassen Sie uns diesen Nachmittag gemeinsam genießen unter dem Motto: großes Eis an der Wand, kleines Eis in der Hand.“

Wer ist Jim Avignon?

Der deutsche Pop-Art-Künstler und Musiker ist dafür bekannt, dass er seine in hohem Tempo produzierten Bilder oft zu sehr niedrigen Preisen verkauft oder gar verschenkt. Zu seinen Werken zählt die Anfertigung eines Gemäldes mit einer Fläche von 2800 m², das anlässlich der Wiedereröffnungsfeier des Berliner Olympiastadions von 132 Sportlern in das Stadion getragen wurde.

Ein weiteres bekanntes und öffentlich zugängliches Werk ist ein von ihm bemalter Abschnitt der East Side Gallery. Anlässlich der Buddy Bär Berlin Show 2001 gestaltete er einen Bären, der über ein Jahr auf dem Kurfürstendamm stand.

Für die One Wall im Kraepelinweg benötigte er vier Tage. An jedem Tag half ihm ein anderer befreundeter Künstler beim Malen. Er selbst nennt das Kunstwerk: „the ice cream man“.

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Titelfoto: Felix Seyfert

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