Agnes Stegemöller der Johanniter im Beratungsgespräch

Wir im Falkenhagener Feld: Wenn das Hilfsangebot direkt im Haus wohnt

Die Johanniter bringen Beratung dorthin, wo die Menschen leben. Mitten im Spandauer Gewobag-Quartier ist im Juli ein neues Büro mit mobilem Sozialangebot eröffnet worden. Hier findet man Unterstützung im Umgang mit Anträgen und Formularen, offene Ohren und vieles mehr.

Vor dem Kandeler Weg 1 sind bunte Wimpelketten gespannt. Auch die Aufsteller und Banner der Johanniter, des Quartiersmanagements Falkenhagener Feld Ost und der Gewobag sind an diesem Freitag Anfang Juli nicht zu übersehen. Schnell wird klar: Hier passiert etwas.

Es dauert nicht lang, bis sich Nachbarinnen und Nachbarn im Hof in kleinen Gruppen zusammenfinden. Kurz darauf wird die Treppe des Hauseingangs zur kleinen Bühne, auf der der Startschuss für ein neues Hilfsangebot fällt. Es ist die offizielle Einweihungsfeier einer Wohnung, die von den Johannitern bezogen und zum Beratungsbüro gemacht wurde. Seither existiert dort eine feste Anlaufstelle, direkt im Haus, mitten im Quartier. Wer Unterstützung wünscht, profitiert jetzt von kurzen Wegen, denn hier ist Hilfe Teil der Nachbarschaft. Seit Anfang des Jahres lief das Projekt in einer stillen Testphase. Jetzt ist es offiziell eröffnet.

Ein Angebot, das den ersten Schritt macht

Im Falkenhagener Feld Ost leben knapp 20.000 Menschen, viele von ihnen mit unterschiedlichen Biografien, Lebensentwürfen und Herausforderungen. Von Sprachbarrieren über knappe Ressourcen bis zu Einsamkeit – das Spektrum für Hilfsangebote ist breit. Zwar bieten diverse Stellen bereits Unterstützung an, doch der erste Schritt, Hilfe in Anspruch zu nehmen, fällt vielen Menschen schwer. Genau hier setzt das Modellprojekt Wir im Falkenhagener Feld an. Statt zu warten, bis die Menschen in die Beratungsstellen finden, gehen die Johanniter selbst in die Höfe und Hausflure. Aufsuchende Arbeit nennt sich dieses Konzept.

eröffnung Johanniter Wohnung Kandeler Weg 1, Berlin-Spandau
Feierlicher Moment: die offizielle Eröffnung des neues Johanniter-Standorts im Kandeler Weg 1. Foto: Ralph Maak

„Es gibt Mieterinnen und Mieter, die bestehende Angebote aus Scham oder aufgrund psychischer Belastungen nicht wahrnehmen, obwohl sie den Bedarf hätten.“ Genau das erlebt Projektkoordinatorin Agnes Stegemöller immer wieder. Mal geht es um einen Antrag beim Jobcenter, mal um Unterstützung nach einer Trennung oder einfach um jemanden, der zuhört. Oft entstehen Gespräche zunächst ganz beiläufig im Hausflur, vor der Tür oder beim Nachbarschaftscafé.

Intensive Beratungen mit viel Redebedarf

Kern des Angebots ist eine unscheinbare Einzimmerwohnung im Kandeler Weg 1, in der sich vertrauliche Termine wahrnehmen lassen. „Bei Beratungen geht es oft um intime, schwere Themen, die man unter vier Augen besprechen muss“, erklärt Stegemöller. Seit dem Start Anfang 2026 kamen bereits über 40 Beratungen zu Themen wie Wohngeld- und Kindergeldanträge, Fragen rund ums Jobcenter oder Bewerbungen zusammen – Tendenz steigend. Das Projekt läuft zunächst befristet bis Sommer 2028. Für die Gewobag, die die Wohnung bereitstellt, ist es Teil ihres Engagements für lebendige Quartiere, denn auch funktionierende Nachbarschaften und leicht erreichbare Unterstützung tragen zur Lebensqualität bei.

Angnes Stegemöller, Projektkoordinatorin Johanniter
Sozialarbeiterin Agnes Stegemöller im Gespräch mit NachbarInnen im Falkenhagener Feld. Foto: Ralph Maak

Ein großes Thema ist Einsamkeit. „Es gibt viele ältere Bewohnerinnen und Bewohner, die kaum aus dem Haus kommen. Da ist viel Redebedarf“, sagt Stegemöller. Manche kämen zum Plaudern „und dann kommt immer etwas, wo wir helfen können. Zum Beispiel wenn es darum geht, den Fernseher einzurichten oder das Handy einzustellen“. Die größte Hürde ist das Vertrauen. Manche vermuteten am Anfang, dass hinter dem Angebot Interessen des Vermieters stecken und waren skeptisch. „Dann klären wir schnell auf, dass wir von den Johannitern sind. So öffnen sich die Leute meist schneller und werden redseliger.“

Es geht auch um das Wir-Gefühl im Quartier

Das Projekt zielt auf mehr als Hilfe im Bürokratie-Dschungel, es will auch das nachbarschaftliche Miteinander stärken. „Früher haben sich die Leute im Haus wirklich gekannt. Heute ist das anders“, sagt Stegemöller. Mit Angeboten wie dem Nachbarschaftsfrühstück des Casa e.V. versuchen Stegemöller und ihre KollegInnen beispielsweise, unterschiedliche Menschen wieder an einen Tisch zu bekommen – jüngere wie ältere, mit und ohne Migrationsgeschichte. Inzwischen bekommen sie dabei auch Unterstützung von ehrenamtlichen HelferInnen.

Das Projekt „Wir im Falkenhagener Feld“ in Kürze

  • Angebot: Aufsuchende Nachbarschaftshilfe – Beratung, Begleitung und Begegnung direkt im Wohnumfeld
  • Träger: Johanniter-Unfall-Hilfe e.V., Regionalverband Berlin
  • Standort: Beratungswohnung Kandeler Weg 1, 13583 Berlin
  • Laufzeit: Modellprojekt vom 1. Januar 2026 bis Sommer 2028
  • Förderung: 254.000 Euro aus dem Städtebauförderprogramm „Sozialer Zusammenhalt“
  • PartnerInnen: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Quartiersmanagement Falkenhagener Feld Ost, Gewobag, berlinovo
  • Kontakt: falkenhagenerfeld.berlin@johanniter.de · johanniter.de/nachbarschaftshilfe-falkenhagener-feld

Modellprojekt mit starken PartnerInnen

Getragen wird Wir im Falkenhagener Feld von der Johanniter-Unfall-Hilfe. Das Projekt stammt aus dem Städtebauförderprogramm „Sozialer Zusammenhalt“ und wird über das Quartiersmanagement Falkenhagener Feld Ost finanziert – gemeinsam durch die Gewobag und die berlinovo. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen fördert es zudem mit 254.000 Euro. Beim Auftaktevent unterstrich Hendrik Hübscher, Leiter des Referats Förderung im Quartier, dass das Projekt bewusst neue Methoden der aufsuchenden Arbeit in einer Großsiedlung wie in Spandau erprobe. Dies könne ein wichtiger Baustein für besseres Zusammenleben sein.

„Ein Zuhause besteht aus weit mehr als vier Wänden“, betonte Annika Loßack, Regionalleiterin Nord-West der Gewobag. „Wir möchten, dass aus Nachbarn eine Nachbarschaft wird.“ Verläuft der Pilot erfolgreich, soll das Konzept perspektivisch auf das Spandauer Quartier Spektegrünzug ausgeweitet werden.

Doch vorerst zurück auf dem Hof am Kandeler Weg: Dort hängt die Wimpelkette nur kurz, doch was bleibt, ist eine Adresse mitten im Wohnhaus, an der ab sofort kompetente AnsprechpartnerInnen zu finden sind. Bei Behördenangelegenheiten, persönlichen Problemen, der Suche nach passenden Hilfsangeboten oder einfach für ein nettes Gespräch.

Titelfoto: Maren Schulz

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