Elegantes Esszimmer mit rundem Holztisch, gepolsterter Sitzbank und antiken Möbeln, ergänzt durch Bücherregale und Wanddekoration.

Der unterschätzteste Raum der Stadt: Eine Ehrenrettung des Berliner Zimmers

Mit dem Tag der Architektur hat das baukulturelle Schaffen am 27. und 28. Juni eine eigene Bühne. Grund genug, einen Blick auf die Berliner Baugeschichte und seine Besonderheiten zu werfen. Über das Berliner Zimmer, seinen zweifelhaften Ruf und smarte Nutzungsideen.

Einmal im Jahr wird Berlin zum begehbaren Architekturführer. Der Tag der Architektur lädt am 27. und 28. Juni 2026 zu kostenlosen Führungen durch Neubauten, Sanierungsprojekte und Architekturbüros in der ganzen Stadt. Das Programm reicht vom Wohnungsbau in Neukölln über einen Museumspavillon auf dem TU-Campus bis zur U-Bahnstation Museumsinsel. Berliner Baukultur zum Anfassen, quer durch alle Bezirke.

Berliner Altbauwohnungen haben einen besonderen Ruf. Hohe Decken, Stuckverzierungen und Holzfußböden machen sie für viele Menschen zu Sehnsuchtsorten, doch ein architektonisches Detail fällt dabei oft unter den Tisch, obwohl es für die Berliner Wohnkultur typisch ist: das Berliner Zimmer.

Mit seinem asymmetrischen Schnitt und den wenigen Fenstern wirkt es auf den ersten Blick düster und sperrig. Trotzdem hat sich dieses Überbleibsel aus der Gründerzeit in vielen Altbauwohnungen als heimlicher Lieblingsraum gehalten. Als Arbeitszimmer, Atelier oder Rückzugsort erfindet es sich seit Jahrzehnten immer wieder neu.

Was genau ist ein Berliner Zimmer?

Das Berliner Zimmer ist das Herzstück vieler Wohnungen in Berlin. Hier im Grundriss.
Das Berliner Zimmer ist mehr als ein Durchgangsraum. Seine zentrale Lage macht es zum Herzstück vieler Berliner Altbauwohnungen. Grafik: Gewobag/Contenkolonie

Ein relativ großer Raum, meist im hinteren Teil der Wohnung, der als Durchgangszimmer zwischen Vorderhaus und Seitenflügel nutzbar ist. Dieser hat meist einen asymmetrischen, oft leicht L-förmigen Grundriss und auffallend wenig Tageslicht.

Den Namen verdankt der Raum der simplen Tatsache, dass dieser Wohnungstyp fast ausschließlich in Berlin vorkommt. Das ist das Ergebnis einer Baugeschichte, die es so nur hier gegeben hat.

Kurz und knackig: Die Geschichte des Berliner Zimmers

Die Ursprünge liegen in der Gründerzeit zwischen 1870 und 1914. Berlins Bevölkerungszahl explodierte durch Industrialisierung und Zuwanderung. Um genügend Wohnraum zu schaffen, entstanden Mietskasernen im Blockrandstil mit Seiten- und Querflügeln, Hinterhöfen und jenen Altbauwohnungen, die heute das Stadtbild prägen.

Berliner Zimmer mit Bücherregalen an den Wänden und einem großen Esstisch mit Stühlen in der Mitte.
Dieses Berliner Zimmer wird vorwiegend zum Lesen und Arbeiten genutzt. Bild: Jan Herres

Die ArchitektInnen der Zeit mussten möglichst viele Wohnungen auf begrenztem Raum unterbringen. Das Berliner Zimmer war ihre Antwort. Durch seine zentrale Lage innerhalb der Wohnung konnte es als Wohnzimmer, Esszimmer oder Salon dienen. Ein multifunktionaler Raum, der den Wunsch nach Repräsentation bediente.

Allerdings verlor das Berliner Zimmer mit der Zeit seine Vorzeigefunktion. Die eingeschränkte Helligkeit machte den Salon zum bloßen Durchgangsraum. Viele BewohnerInnen vergaßen, welches Potenzial in dem Zimmer eigentlich steckt.

Das Berliner Zimmer heute: Nutzung und Mehrwert

Anders als bei Wohn- oder Arbeitszimmern verrät der Name Berliner Zimmer nichts über die Funktion. Das macht den Raum rätselhaft und gleichzeitig offen für alles Mögliche.

Der Berliner Architekt und Senatsbaubeamte Jan Herres hat dem Berliner Zimmer ein ganzes Buch gewidmet. Für seine Untersuchung besuchte er 24 Berliner Familien und Paare in ihren Wohnungen und dokumentierte, wie unterschiedlich der Raum genutzt wird. Sein Fazit fällt eindeutig aus. Die fehlende Festlegung ist kein Nachteil. Sie ist eine Einladung.

Berliner Zimmer mit Schrankwand und einem langen Esstisch
Auch als Esszimmer kann das Berliner Zimmer funktionieren. Bild: Jan Herres

Die Möglichkeiten sind groß, vorausgesetzt, die Beleuchtung stimmt. Einen Urban Jungle wird das Berliner Zimmer mangels Tageslicht nicht beherbergen. Aber ein Schreibtisch nah am Fenster macht es zum guten Arbeitszimmer, und die dunklere Seite eignet sich zum Lesen oder Fernsehen.

Wer mit Lichtquellen, hellen Farben und reflektierenden Oberflächen arbeitet, kann das wenige Tageslicht erstaunlich gut kompensieren. Das Berliner Zimmer war Repräsentationssalon, wurde Abstellfläche und funktioniert heute als Homeoffice. Wenige Räume in Berlin haben sich so oft neu erfunden.

Am Ende bleibt: Ein Zimmer voller Möglichkeiten

Das Berliner Zimmer hat einen zweifelhaften Ruf, der ihm nicht unbedingt gerecht wird. Wer die Beleuchtung anpasst und die Zentralität des Raumes für sich nutzen kann, gewinnt einen der ungewöhnlichsten Räume, die Berliner Wohnungen zu bieten haben. Ende Juni lohnt sich ein Blick ins Programm zum Tag der Architektur. Und danach vielleicht ein zweiter in den eigenen Raum hinter dem Flur, der schon immer etwas zu dunkel war, aber leicht eine neue Perspektive bekommen kann.

Titelfoto: Jan Herres

Das könnte Sie auch interessieren: