Ausstellung zu Fresh A.I.R. #7: Demokratie greifbar machen

Die Abschlussausstellung des 7. Fresh-A.I.R.-Jahrgangs in Schöneberg widmet sich einem der wichtigsten Themen unserer Zeit – und überzeugt nicht nur durch ihre Vielfalt.

Genau hinzuschauen, lohnt sich – das gilt auch für die Bülowstraße in Schöneberg. Streetart wird hier im Wortsinn großgeschrieben, und wer seinen Blick über die vielen kunstvoll gestalteten Häuserfassaden wandern lässt, kann den kleinen Eingang zu einem der spannendsten Räume im Kiez fast übersehen.

Keine Leuchtreklame, kein großes Bling-Bling, verglichen mit den spektakulär gestalteten Außenwänden des Urban Nation Museums schräg gegenüber, verströmt die dunkle Doppeltür an der Bülowstraße 97 eher Geheimtipp-Charme. Wer hindurchgeht, entdeckt jedoch einen eigenen kleinen Kosmos geballter Kreativität, bestehend aus Fotos, Zeichnungen und Sounds, Videos, Tanz-Elementen und einer Installation, die sich verschiedenen Gerüchen widmet.

Kunst als Demokratie-Verstärker

Ausgestellt werden hier die Arbeiten des 7. Fresh-A.I.R.-Jahrgangs – die Werke von elf StipendiatInnen aus sieben Ländern, die ein halbes Jahr lang als „Artists in Residence“ in Berlin gearbeitet haben.

Ihre Ansätze, Materialien und Methoden waren dabei höchst unterschiedlich, die Schnittmenge findet sich im gemeinsamen Motto „Picturing Democracy“, also der Verbildlichung von Demokratie. Ein Thema, das in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung und aufkeimender Politikverdrossenheit enorme Tragweite besitzt.

„Die Frage, wie sich Dinge visualisieren lassen, ist eine Grundidee meiner Kunst“, sagt Stipendiat Oscar Lebeck. Für „Picturing Democracy“ ist der Fotograf über Wochen von seiner Künstlerresidenz in Schöneberg in das frühere KZ-Außenlager Falkensee gependelt, um dort sichtbar zu machen, was kaum noch sichtbar ist: überwucherte Fundamente früherer Baracken, in denen während des Nationalsozialismus rund 2.000 Zwangsarbeiter untergebracht waren.

Biografisch geprägter Ansatz

Für Oscar Lebeck, geboren 1993 in Hamburg, hat sein aktuelles Projekt einen ganz persönlichen Bezug. „Die Mutter meines Vaters kam aus dem Spreewald“, erzählt der Fotograf, „und gegenüber ihres Hauses wurde in der Nazi-Zeit das KZ Lieberose gebaut.“ Als Kind habe er bei Besuchen immer gefragt, wo genau das Lager gewesen sei. Da das Gelände in den 1970er- und 1980er-Jahren überbaut wurde, war allerdings nichts mehr davon zu erkennen. „Deswegen habe ich mich immer gefragt: Wie kann man etwas sichtbar machen, was nicht mehr sichtbar ist. Das wollte ich künstlerisch umsetzen“, so Lebeck.

„Die bekannten Gedenkstätten wie Sachsenhausen oder Buchenwald sind ja quasi Open-Air-Museen, in denen alles sehr clean aufbereitet ist“, erklärt der Künstler, „aber das waren eben nur die Stammlager. Jedes Stammlager hatte etliche kleine Außenlager.“ So wie in Falkensee, wo die Spuren der grausamen, demokratiefeindlichen Vergangenheit jedoch beinahe verschwunden sind. Ein Umstand, den der Fotograf ändern wollte, indem er: genauer hinschaute.  

In seinen Fotos hat Lebeck die einstigen Baracken mittels Doppelbelichtung in der für ihn typischen Ästhetik rekonstruiert. Als nebulöse Erscheinung lassen sich die früheren Gebäudeumrisse im Bild erahnen; wie ein diffuses, fast geisterhaftes Relikt der Vergangenheit, das zur Erinnerung mahnt. Daran, welche entsetzliche Folgen es haben kann, wenn demokratische Werte vernachlässigt werden.  

Ausgefeilte Technik

Die Sichtbarmachung nicht mehr existierender Strukturen realisiert Oscar Lebeck nicht durch digitale Bildbearbeitung, sondern mit rein fotografischen Mitteln. Die schemenhaften Rauch-Silhouetten erschafft er mit Formen aus klarsichtigem Acrylglas und Füllwatte aus synthetischer Baumwolle, der Rest ist das Ergebnis umfangreicher Belichtungsexperimente.

Verkaufen wird Lebeck die Bilder zu seinem Projekt „Freilegung“ kaum. „Niemand will sich Fotos von einem Arbeitslager über die Couch hängen“, vermutet er. Um seine Kunst verwirklichen zu können, ist er deshalb auf Programme wie Fresh A.I.R. angewiesen, ein Stipendium der Gewobag-eigenen Stiftung Berliner Leben, das in seinen Augen viele Vorzüge bietet.

Stipendium als essenzielle Unterstützung

„Mit der Stiftung und der Gewobag hat man Träger, die über die Mittel verfügen, so ein Haus gut zu führen“, sagt er. Gemeint ist das Gebäude in der Bülowstraße, in dem sich die elf Künstlerresidenzen befinden – ein durch und durch modernisierter Gründerzeitbau samt großem Gemeinschaftsraum unterm Dach.  

„Das wichtigste war für mich der Austausch mit den anderen KünstlerInnen“, sagt Lebeck dann auch: „In den Fluren trifft man sich automatisch, aber wir sind auch zusammen zu Ausstellungseröffnungen oder auf den Markt gegangen.“

Inkognito-Mission

Die Freilegung der Fundamente im früheren KZ-Außenlager Falkensee hat Oscar Lebeck in der Montur eines Gärtners vorgenommen. Eine Inkognito-Mission, die er in einem Video festgehalten hat, das ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist und auf die vernachlässigte Erinnerungskultur vor Ort hinweist. Sporadisch kam es dabei auch zu Begegnungen mit SpaziergängerInnen. „Endlich passiert hier mal was“, habe ihm eine ältere Frau gesagt: „Es ist doch total schade, dass das hier alles überwuchert.“

Trotzdem sei es wichtig gewesen, dass alle eine eigene Wohnung hatten, „sonst wäre es vielleicht ein bisschen zu sehr Hostel-Vibe gewesen“. Schon klar: Inspiration und Austausch taugen zwar als guter Nährboden, doch für den künstlerischen Prozess braucht es auch eine gewisse Ruhe. „Wir haben von Stiftungs-Seite die Zeit bekommen, um anzukommen“, betont Lebeck, „das ist wichtig, denn es geht auch viel um die Ideenfindung.“

Ausstellung läuft noch bis zum 31. März 2023

Was für aufstrebende Künstler letztlich die größte Hilfe sei? „Frei arbeiten zu können“, sagt der gebürtige Hamburger, „also einerseits finanzielle Unterstützung zu bekommen, aber auch die nötigen Räumlichkeiten.“

Neben Wohnung und Arbeitsareal betrifft das nicht zuletzt den eingangs erwähnten Ausstellungsraum in der Bülowstraße 97. Dort sind die Werke der StipendiatInnen noch bis zum 31. März 2023 zu sehen. Ohne Leuchtreklame und viel Bling-Bling, dafür mit großem Überraschungs- und Begeisterungspotenzial. Genau hinzuschauen, lohnt sich. Oscar Lebeck kann ein Lied davon singen.

Abschlussausstellung des 7. Fresh-A.I.R.-Jahrgangs

Urban-Nation-Projektraum
Bülowstraße 97
10783 Berlin

Öffnungszeiten

Di – Mi: 11:00 – 18:00 Uhr
Do – So: 13:00 – 20:00 Uhr

Laufzeit noch bis zum 31.03.2023   

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