Bioabfall freut einen jungen Mann.

Biomüll neu gedacht: Wie eine Kampagne falsche Gewohnheiten knackt

Bananenschale in die Biotonne, fertig – so einfach ist das. Oder etwa nicht? Tatsächlich wissen viele Menschen nicht genau, was in den Biomüll darf und was nicht. Eine Aktion im Quartier Klausenerplatz zeigt, wie sich das ändern lässt. Die Wirkung ist erstaunlich.

Ein Müllkäfig im Quartier Klausenerplatz, Frühjahr 2025. In der Biotonne: Gut gesammelte Bioabfälle – aber zum Teil eingepackt in Plastiktüten. Selbst kompostierbare Plastiktüten gehören nicht dorthin und stören den gesamten Verwertungsprozess der Bioabfälle zu Biogas und Kompost. Gleichzeitig: Andere Tonnen im Haus, ebenfalls nicht ideal benutzt, mit Bioabfall im Restmüll. Eine Bestandsaufnahme, die zeigte, dass die Biotonne zwar vorhanden, aber im Alltag oft nicht richtig angekommen war.

Das wollten die die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (SenMVKU) und die Berliner Stadtreinigung (BSR) gemeinsam mit der Gewobag ändern. Sie entwickelten mit der Agentur .lichtl Ethics & Brands sowie mit Unterstützung des Kiezbündnisses Klausenerplatz eine Mikrokampagne, die so direkt und persönlich sein sollte wie das Thema selbst.

Keine Einmal-Aktion, sondern fünf Monate Präsenz

Das Quartier Klausenerplatz in Charlottenburg-Nord war einer von zwei Pilotstandorten der Mikrokampagne, die die SenMVKU gemeinsam mit Wohnungsbaugesellschaften in Berlin testete. In den 16 Gewobag-Häusern im Häuserblock rund um Neue Christstraße, Nehringstraße, Seelingstraße und Schloßstraße lief die Kampagne von Mai bis September 2025. Involviert waren über 300 Wohneinheiten mit einer sehr diversen Bewohnerstruktur aus Familien, Studierenden, SeniorInnen und Menschen unterschiedlicher Herkunft.

Die zentrale Erkenntnis, auf der das Konzept der Agentur .lichtl Ethics & Brands beruhte: Einmalige Aushänge verändern kaum etwas. Was wirkt, ist kontinuierliche Präsenz an den richtigen Orten, mit den richtigen Botschaften und mit Gesichtern, denen die BewohnerInnen vertrauen.

Patrick ist das freundliche Gesicht für Berliner Bioabfall. Plakatmotiv: .lichtl Ethics & Brands

Das Kampagnenteam war bewusst breit aufgestellt: Neben dem Projektmanagement durch die Agentur .lichtl war die Gewobag-Quartierskoordinatorin Florence Dezoteux zentrale Ansprechpartnerin. Zudem brachte der Hauswart als Gesicht vor Ort Plakate, Aufkleber und Papiertüten unter die Leute und dokumentierte monatlich den Zustand der Biotonnen. Überdies führten MitarbeiterInnen der Agentur .lichtl Wohnungstürgespräche und verteilten Papiertüten.

Patrick, Papiertüten und persönliche Worte

Das Kampagnen-Gesicht war Patrick, ein freundliches Testimonial, das über fünf Monate auf Plakaten, Handzetteln und Aufklebern im Haus auftauchte – vom Infokasten im Hausflur bis zum Müllraum. Seine Botschaft: Bioabfall ausschließlich in Papiertüten sammeln.

Jeder Haushalt erhielt im Projektzeitraum dreimal Papiertüten direkt in den Briefkasten, zusammen mit Handzetteln, die erklärten, was in die Biotonne gehört und was nicht. Im Tonnenraum machten Großplakate und BSR-Tonnenaufkleber deutlich, dass Plastiktüten – auch als „kompostierbar“ beworbene – nichts in der Biotonne zu suchen haben. Ein gemeinsamer Brief von Gewobag, SenMVKU und BSR informierte im Laufe der Kampagne über den Projektfortschritt und löste Feedback-Gutscheine ein.

Besonders wirkungsvoll war, was auf dem Papier nicht geplant werden kann: die persönlichen Gespräche. Klingeln, erklären, zuhören. Mehrsprachige Materialien und QR-Codes mit Audiodateien in mehreren Sprachen stellten sicher, dass die Botschaften auch nicht-deutschsprachige BewohnerInnen erreichten.

Papier statt Plastik – der entscheidende Unterschied

Die Inhalte haben dabei eine klare fachliche Grundlage: Selbst „kompostierbare“ Kunststofftüten lassen sich im Bioabfall-Verwertungsprozess der BSR nicht sinnvoll einsetzen, da sie sich nicht ausreichend zersetzen. Sie beeinträchtigen die Qualität des Endprodukts. Die Papiertüte ist deshalb keine Empfehlung, sondern die einzig richtige Wahl.

Gut zu wissen: Was passiert mit Bioabfall?

Getrennt gesammelte Bioabfälle werden von der BSR zu Biogas und Kompost für die Landwirtschaft verarbeitet – ein direkter Beitrag zu Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft.

Das gewonnene Biogas ersetzt jedes Jahr 2,5 Millionen Liter Diesel, insgesamt werden durch die Aufbereitung des Bioabfalls jährlich mehr als 9.000 Tonnen CO2 eingespart. In Berlin heißt die Biotonne daher auch Biogut-Tonne.

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Zahlen, die überzeugen

Am Ende der Kampagne wurden die BewohnerInnen der beteiligten Häuser befragt. Das Ergebnis übertraf die Erwartungen: 72 Prozent gaben an, die Biotonne nun häufiger zu nutzen. 40 Prozent erklärten, gezielt darauf zu achten, keine Plastiktüten mehr hineinzuwerfen.

Der Weg, der am Klausenerplatz erprobt wurde: Aufklärung statt Appell. Viele BewohnerInnen wussten schlicht nicht, was mit Bioabfällen passiert oder warum Plastik im Biomüll so problematisch ist. Wer das versteht, ändert das Verhalten.

Das Projekt aus dem Quartier Klausenerplatz zeigt damit, was in Berlin möglich ist: konsequente Aufklärung, passgenau zugeschnittene Materialien und die Einbindung von Strukturen, die vor Ort bereits funktionieren – das sind die Bausteine für eine Biotonne, die richtig genutzt wird.

Titelbild: .lichtl Ethics & Brands

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