Ortsgeheimnisse, Teil II: Wie ein Bogen durch die Zeit 14. Oktober 2026Lesedauer: 3 Min. Um 1900 floss das Bier an der Schönhauser Allee in Strömen – die Dichte an Brauereien war enorm. Eine davon zählt heute zu den markantesten Wohnhäusern der Gewobag. Welche Geschichten hinter den Wänden stecken? Das zeigt Teil II der sowohntberlin-Reihe „Ortsgeheimnisse“. Diese Fassade gibt Rätsel auf. Wozu war an der Schönhauser Allee 129 der viel zu große Torbogen in der Mitte gut, der in einen großzügigen Hinterhof führt? Warum sind die Hoffassaden mit Loggien, Erkern und Bauschmuck ungewöhnlich aufwendig dekoriert? Und wieso darf der trutzige runde Eckturm draußen an der Straße die Baufluchtlinie der Allee einfach so durchbrechen? Der Blick nach innen weckt ebenfalls Neugier. Im Erdgeschoss des Gebäudes ist ein hipper Pop-Up-Store mit handverlesenen Second-Hand-Klamotten zu finden, der junges Publikum anlockt. Über den Kleiderständern zeugen fleckige alte Stuckdecken von vergangener Pracht. Jetzt Newsletter abonnieren und nichts mehr verpassen! E-Mail Ich stimme zu, dass die Gewobag mir per E-Mail den Newsletter zusendet und dabei die auf mich bezogenen Nutzungsstatistiken auswertet. Die Datenschutzerklärung habe ich gelesen. Meine Einwilligung kann ich jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen. Abonnieren Bei Groterjan wurde Genuss großgeschrieben Ortswechsel: Im Rara-Lesesaal der Staatsbibliothek liegt aufgeschlagen Der Profanbau, eine seltene Architekturzeitschrift von 1908, mit Fotos und Grundrissen des Hauses. Hier lösen sich alle Rätsel auf. Der Eckturm war einst ein Hingucker an der Straßenfront, daneben öffnete sie sich zu einem Biergarten mit Konzertpavillon für 1.500 Gäste. Die gewölbte Durchfahrt zum Hof war breit genug, um Pferdekutschen ein- und ausfahren zu lassen. Gäste konnten direkt an den vier Kegelbahnen zwischen dem Wohntrakt und Konzertgarten aussteigen. Und am Ende des Gartenhofes lagen eine Großküche mit einem fünf Meter langen Herd und Kühlräumen im Keller. Pferdegespanne konnten dort bequem wenden, wenn die Kutscher ihre Fracht abgeladen hatten. Imposantes Gebäudeensemble: Die Groterjan-Brauerei samt Biergarten und Konzertpavillon. Bild: Der Profanbau (1908) Damals und heute: Die Fassade an der Schönhauser Allee 129 mit dem markanten Torbogen. Fotos: Bild: Der Profanbau (1908), Michael Bienert Der markante Eckturm an der Schönhauser Allee und ein Blick in den Innenhof. Fotos: Peter Oehlmann Im Erdgeschoss befindet sich heute ein Shop für Vintage-Mode. Fotos: Michael Bienert „Der in weiten Kreisen wohlbekannte Großindustrielle, Brauereibesitzer Christoph Groterjan, hat auf seinem Grundstücke in der Schönhauser Allee, Ecke Milastraße, eine Erholungsstätte geschaffen, welche nicht allein dem guten Stoff liebenden Berliner einen angenehmen Aufenthalt bietet, sondern auch ihren Kunstsinn bilden“, schwärmte die Bauwerks-Zeitung vom 18. Dezember 1907. Trotz eines Streiks der Tischler und Maler wurde das imposante Gebäudeensemble nach Plänen der Architekten Georg Rathenau und Friedrich August Hartmann im Frühjahr 1907 nach gerade acht Monaten Bauzeit fertig. In seiner Gesamtheit ist der Komplex leider nicht mehr wahrnehmbar, anders als die Kulturbrauerei oder die Brauerei Pfeffer an der Schönhauser Allee. Auf dem Konzertgarten entstand noch vor dem Ersten Weltkrieg ein weiteres Wohnhaus (heute Hausnummer 130). Die Wohnanlage an der Schönhauser Allee 129 wurde schon damals vom Brauerei- und Restaurationsbetrieb abgetrennt und weiterverkauft. Auch die Volksbühne nutzte die Räumlichkeiten Um zu verstehen, was alles zur heutigen Gewobag-Adresse dazugehörte, muss man um die nächste Straßenecke laufen. An der Milastraße 2 öffnet sich ein weiterer Hof mit ähnlich prächtigen Fassaden. Hier residierte der Brauereibesitzer in einer Riesenwohnung auf zwei Etagen über Restaurationssälen, in denen man heute noch essen gehen kann. Mit Mühe ist der Schriftzug „Mila-Lichtspielpalast“ am ehemaligen Eingang zu den Festsälen noch erkennbar. Seit 1918 gab es im größten der Säle, die sich hinter dem Gewobag-Wohnhaus über zwei Stockwerke erstreckten, Kinovorstellungen. Von 1963 bis 1990 nutzte die Volksbühne den ehemaligen Festsaal als Probebühne. Einer der großen Säle im Groterjan-Ensemble. Bild: Der Profanbau (1908) Viel von der ursprünglichen Bausubstanz ist bis heute erhalten. Bilder: Der Profanbau (1908) Viel von der ursprünglichen Bausubstanz ist bis heute erhalten. Fotos: Peter Oehlmann Gemeinheit des Schicksals: Christoph Groterjan starb bereits zwei Jahre nach der Fertigstellung des imposanten Gebäudeensembles. Sein Erbe wurde zerstückelt und weiterverkauft. Der Name Groterjan lebte in einer Aktiengesellschaft weiter – und in einer Biermarke, die 2004 vom Markt verschwand. Dichter Peter Hacks war hier über 40 Jahre lang zu Hause In der Prinzenallee 78/79 im Wedding entstand nach 1927 eine neue Groterjan-Brauerei, ein Industriebau der Neuen Sachlichkeit, der heute ebenso unter Denkmalschutz steht wie das ältere Ensemble an der Schönhauser Allee. Wer sich dort umschaut, entdeckt an den Fassaden in Prenzlauer Berg noch viele architektonische Details, Steinfiguren und Inschriften, die von der überbordenden Pracht der Kaiserzeit übrig geblieben sind. Der Zustand des Gebäudes 2003 und nach der Sanierung 2007. Fotos: Gewobag und Peter Oehlmann An vielen Ecken lassen sich architektonische Details aus der Kaiserzeit entdecken. Foto: Michael Bienert An vielen Ecken lassen sich architektonische Details aus der Kaiserzeit entdecken. Foto: Michael Bienert Neben dem Torbogen erinnert eine Gedenktafel an einen langjährigen Mieter, den Dichter und Dramatiker Peter Hacks, einen der renommiertesten und umstrittensten Autoren der ehemaligen DDR. Der bekennende Kommunist wohnte über 40 Jahre in einer der großzügigen Bürgerwohnungen aus der Kaiserzeit. Wenig verwunderlich. Aus einem derart besonderen Gebäude zieht schließlich niemand so rasch aus. Titelfoto: Peter Oehlmann
Ortsgeheimnisse, Teil I: Die tierisch interessante Historie der Steinmetzstraße Kuh- und Schweineställe in Berliner Hinterhöfen? Einst war das normal, heute ist es kaum noch vorstellbar. Vor einer Kiezstube in Schöneberg sind die Spuren jedoch sichtbar. Welche besondere Geschichte dahintersteckt? Das zeigt der Auftakt der neuen sowohntberlin-Reihe „Ortsgeheimnisse“.
Hochhaus-Hingucker: Hier gehen Sanierung und Denkmalschutz Hand in Hand Stararchitekt Hans Scharoun schuf in der Reinickendorfer Rollbergesiedlung einst visionäre Baukunst, doch auch solche Ausnahmeobjekte zeigen irgendwann Alterserscheinungen. Nun wird das heutige Gewobag-Gebäude fit für die Zukunft gemacht – mit viel Liebe fürs Detail.