Großaufnahme: Ein Mosaik in einem Gehsteig, dass eine schwarz-bunte Kuh zeigt. Foto: Michael Bienert

Ortsgeheimnisse, Teil I: Die tierisch interessante Historie der Steinmetzstraße

Kuh- und Schweineställe in Berliner Hinterhöfen? Einst war das normal, heute ist es kaum noch vorstellbar. Vor einer Kiezstube in Schöneberg sind die Spuren jedoch sichtbar. Welche besondere Geschichte dahintersteckt, zeigt der Auftakt der sowohntberlin-Reihe „Ortsgeheimnisse“.

Geblieben ist eine schwarz-weiß gefleckte Kuh. Wer auf das Straßenpflaster vor der Kiezstube in der Steinmetzstraße 22 schaut, entdeckt das Tier dort als lebensgroßes Mosaik. Über der breiten Durchfahrt zum Hof, die heute geschlossen ist, stand früher in großen Lettern das Wort „Melkerei“. Heute wird das Innere des gründerzeitlichen Straßenblocks, ursprünglich dicht mit Quergebäuden, Seitenflügeln und Remisen besetzt, von Baumkronen beschattet.

Mist im Hinterhof, frische Milch im Vorderhaus

Überhaupt hat sich vieles verändert, nicht zuletzt in Sachen Platz. Für die Tiere, die hier einst von der Familie Mendler gehalten wurden, war Enge Normalität – für Tierwohl und Tierschutz galten damals ganz andere Standards als heute.

Den zweiten Hinterhof auf dem schmalen Grundstück schloss ein niedriges Stallgebäude ab, in dem bis zu 30 Kühe standen, um dort gefüttert und gemolken zu werden. Der Stallmist wurde mit der Schubkarre auf den Hof gekippt und stach den Nachbarn in die Nase. Damit nicht genug: Im Souterrain wurden bis zu 60 Schweine gemästet, vor allem mit Abfällen aus einem Krankenhaus. Zu früheren Zeiten keine Seltenheit. Bis zum Zweiten Weltkrieg soll es in Berlin rund 2000 solcher Betriebe gegeben haben.

Der Vorteil: Es waren keine komplizierten Liefer- und Kühlketten nötig, bis die frische Milch auf dem Frühstückstisch stand. In Kriegs- und Krisenzeiten war die Versorgung gesichert. Zu festen Morgen- und Abendzeiten kamen die Nachbarinnen und Nachbarn mit der Kanne in den Mendler’schen Laden im ersten Hof.

Seit 1930 hatte Georg Mendler den Betrieb in der Steinmetzstraße 22 aufgebaut, ab 1950 stand seine Frau Dora hinter dem Tresen und machte den Laden zum Kieztreffpunkt. Bis ins hohe Alter war sie für ihre KundInnen da. Sie starb 2006 mit 81 Jahren.

Mendler-Ära in Schöneberg endet 1982

Dora Mendler war so bekannt und beliebt, dass im Südwesten Berlins sogar eine Straße nach ihr benannt wurde. Als 1982 endgültig Schluss war mit dem Melken im Hinterhof, weil der ganze Straßenblock vom Bau- und Wohnungsunternehmen Neue Heimat entkernt und saniert wurde, gab sie nicht auf, sondern wagte einen Neustart.

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In Rudow war Platz für einen Bilderbuchbauernhof auf zunächst 30 Hektar, mit 80 Milchkühen und 300 Mastschweinen. Als 1996 das Verfüttern von Küchenabfällen an die Schweine verboten wurde, sattelte der Betrieb um und wurde zum Reiterhof mit  Pensionspferden.

Frische Rohmilch von eigenen Kühen, die jetzt mehr Auslauf haben als früher, verkauft der Hofladen noch immer. Eine Attraktion nicht nur für AusflüglerInnen, sondern auch für die MieterInnen der vor gut 40 Jahren bezogenen Gewobag-Neubausiedlung an der Dora-Mendler-Straße.

Anlaufpunkt bis heute – als Kiezstube

Und was ist aus dem früheren Laden in der Steinmetzstraße 22 geworden? Seit mehr als zehn Jahren ist dort eine Kiezstube zu Hause – in Räumlichkeiten der Gewobag, betrieben vom Kooperationspartner Pestalozzi-Fröbel-Haus. Im April 2026 bekam die Kiezstube ein „Facelift“, mit neuen, funktionalen Möbeln, um die Gegebenheiten ideal zu nutzen. Bei allen Veränderungen bleibt damit eines unverändert: Die Adresse ist nach wie vor ein Anlaufpunkt für die Nachbarschaft.

Kennen Sie weitere Ortsgeheimnisse?

Berlin steckt voller Geschichte und Geschichten – das gilt natürlich auch für die Gebäude der Gewobag. In der neuen sowohntberlin-Serie „Ortsgeheimnisse“ werden deshalb historische Besonderheiten im Bestand des Wohnungsunternehmens beleuchtet. Von geschichtsträchtigen Ereignissen über prominente BewohnerInnen bis zu besonderen Nutzungsformen: „Ortsgeheimnisse“ erzählt im Monatsrhythmus die Storys, die hinter den Fassaden stecken.

Kennen Sie passende Orte und historische Besonderheiten im Gewobag-Bestand? Wir freuen uns über Ihren Hinweis per E-Mail.

Titelfoto: Landesarchiv Berlin

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