Eine Frau steht an einem Whiteboard und schaut in die Kamera. Im Hintergrund ist ein Flipchart zu sehen. Foto: Britta Leuermann

Neues Hilfsangebot: Offene Konfliktsprechstunde für MieterInnen

Ob bei Streit um Lärm oder anderen Nachbarschafts- und Familienkonflikten: Dank einer neuen Kooperation finden Gewobag-Haushalte beim Mediationszentrum Berlin e.V. kostenlos Unterstützung. Oft helfen pragmatische Lösungen.

Manchmal macht ein kleiner Buchstabe einen großen Unterschied. Auf den ersten Blick sehen sich die Worte Mediation und Meditation zwar zum Verwechseln ähnlich, doch natürlich geht es im Mediationszentrum Berlin e.V. in Schöneberg nicht um innere Einkehr – auch wenn die Räumlichkeiten sehr harmonisch wirken. Das dreieckige Gebäude, auch „Glasdreieck am Gleisdreieck“ genannt, besticht durch Helligkeit, große Fenster, Pflanzen und Kunst an Wänden. Dazu kommt die Mediatorin Signe Stein, die friedlich in sich ruht.

„Mediation ist ein Verfahren, um Konflikte zu klären”, klärt Stein freundlich auf. Anders als bei gerichtlichen Schlichtungen „erarbeiten Konfliktparteien selbst ihre Lösung“. Mediatorinnen und Mediatoren machen keine Vorschläge. Ihre Aufgabe besteht darin, den Prozess zu strukturieren, zu fragen, zuhören, anzuregen. Stein weiß: „Alles, was ich selber erarbeitet habe, hat eine größere Akzeptanz.“

Gratis-Sprechstunde für Gewobag-Haushalte

Um Mietparteien dabei zu helfen, Streitigkeiten zu klären, hat die Gewobag eine Kooperation mit dem Mediationszentrum gestartet. Herzstück der Zusammenarbeit ist ein offenes Beratungsangebot in Form einer kostenlosen, monatlichen Konfliktsprechstunde. Für längere Mediationen gibt es sozialverträgliche Preise.

Die Kooperation bringt professionelle, niedrigschwellige Konfliktberatung direkt ins Quartier. Die Gewobag unterstützt das Angebot unter anderem durch direkte Vermittlung. „Die Idee ist, Menschen durch professionelle Begleitung wieder zusammenzuführen und Konflikte im Idealfall frühzeitig zu schlichten“, sagt Gewobag-Quartierskoordinatorin Silke Jensen. Es gebe Konflikte, die über mietrechtliche Themen hinausgehen, daher sei es gut, eine unabhängige Stelle zu haben, die unterstützt. Daneben ist auch die Fachstelle für Sozialberatung der Gewobag ansprechbar, die sich mit dem Mediationszentrum abstimmt.

Eine Frau steht vor einem gländernen Gebäude. Auf einer Fensterscheibe ist in großen Buchstaben das Wort "Mediation" zu sehen. Foto: Britta Leuermann
Mediatorin Signe Stein vor dem Mediationszentrum Berlin am Gleisdreieck. Foto: Britta Leuermann

Nach Schöneberg kommen schon lange Personen aus ganz Berlin: NachbarInnen, Familien oder Paare. Der Grundsatz der Mediation lautet dabei: Sie ist freiwillig, vertraulich und allparteilich, also quasi unparteiisch, aber alle Standpunkte sehend. „Wir fragen nicht nach Schuld“, erklärt Mediatorin Stein. „Jeder, der an Konflikten beteiligt ist, hat Anteil daran. Mediation guckt in die Zukunft: Was wollen wir zukünftig? Was soll anders sein und wie kommen wir dahin?“

Lärm als häufiges Konfliktthema

Es folgt ein strukturierter Prozess: Zielklärung im Vorgespräch, mit Erlaubnis Notizen, mehrere Sitzungen, oft drei bis fünf Termine mit bis zu zwei Stunden, mit Wochenpausen zum Nachwirken. Mediation arbeitet oft mit Gefühlen und Bedürfnissen, weicht verhärtete Positionen auf. Oft gehe es darum, seine Wünsche mit „Ich möchte” zu formulieren statt mit einem oft unverhandelbaren „Ich will”.

MieterInnen- und Nachbarschaftsstreits sind häufige Anliegen. „Lärm ist ein großes Thema“, sagt Stein. Oft überträgt die Bausubstanz Geräusche von einer Wohnung zur nächsten – zu laut, zu spät, zu früh. Hinzu kommen Stress im Alltag, dichte Stadtstrukturen, Homeoffice und beengte Wohnverhältnisse, unterschiedliche Lebensrhythmen, Unklarheit. Oft stellten NachbarInnen fest, der Lärm komme von ganz woanders.

Großaufnahme: Ein Infoflyer steht in einem Besprechungsraum auf einem Tisch. Auf dem Flyer ist zu lesen: "MediationsZentrum Berlin e. V. Streit passiert, Mediation hilft!" Foto: Britta Leuermann
Die Angebote des Mediationszentrums Berlin sind vielfältig. Foto: Britta Leuermann

Der Erstkontakt mit dem Mediationszentrum läuft über das Internet, auf der Webseite gibt es Anmeldeformulare. Alternativen sind Empfehlungen oder Kooperationen wie jene mit der Gewobag, die in ihren Häusern Infoflyer verteilt. Anschließend gibt es ein Vorgespräch, um die Eignung für die Mediation und die Freiwilligkeit der beteiligten Parteien zu klären. Wichtig sei auch, zu formulieren: „Was ist Ihr Ziel? Was möchten Sie mit der Mediation erreichen?”

Gespräche schaffen Verständnis und Transparenz

Sinnvoll sei Mediation bei wiederkehrenden, belastenden Gedanken, erklärt Mediatorin Stein – etwa, „wenn man immer wieder daran denkt: Hoffentlich treffe ich diesen Nachbarn oder diese Nachbarin nicht im Hausflur.“ Gerade wenn Konflikte noch frisch seien, mache es Sinn, sie mit einer Mediation gleich zu klären. Wenn ein Streit bereits eskaliert ist oder gar juristische Verfahren laufen, ist es meist zu spät.

Eine Frau sitzt vor eine Glasscheibe und spricht mit einem Mann, dessen Kopf von hinten zu sehen ist. Foto: Britta Leuermann
Mediatorin Signe Stein weiß aus Erfahrung: Gespräche schaffen Verständnis. Foto: Britta Leuermann

Die Erfahrung zeigt: Oft helfen einfache, pragmatische Lösungen, etwa: „Sagen Sie uns doch Bescheid, wenn Sie Bereitschaftsdienst haben. Dann können wir uns darauf einstellen, dass nachts das Telefon klingelt.” Oder: „Ich bitte Sie, Bescheid zu sagen, wenn Sie Ihr Rudergerät benutzen.” Solche Vereinbarungen sind oft schnell umsetzbar und wirksam. Durch Gespräche entstehen Verständnis und Transparenz.

Hilfe auch auf Englisch, Türkisch oder Französisch

MediatorInnen sind geschult, starker Erregung zu begegnen. Pausen und Abkühlzeiten werden genutzt, „wenn man merkt, dass die Konfliktparteien angespannt, erregt oder aufgewühlt sind“, sagt Stein.

Das Zentrum begleitet Fälle mit mehreren Sprachen wie Englisch, Französisch oder Türkisch, bei vielfältigen Familienkonstellationen, Wohngemein- und Freundschaften, auch Regenbogenfamilien. Geachtet wird auf kulturelle, persönliche Unterschiede, bei Begriffen und Erwartungen. Da gebe es Missverständnisse. Nicht jeder denke gleich, habe gleiche Werte. „Viele reden aneinander vorbei.“

Mediation schafft oft mehr als nur konkrete Absprachen, die Eskalationen vorbeugen: Gerade bei Beleidigungen oder diskriminierenden Worten kann Bewusstmachung viel ändern. Häufig wollten sich Leute in der Mediation vor allem gesehen fühlen, fallen sich auch mal weinend in die Arme. „Zwei Freundinnen haben danach gesagt: Wären wir einmal früher gekommen“, berichtet Stein. Zusätzlich zur Mediation kann man natürlich meditieren. Aber friedlicher lebt es sich ohne Streit.

Titelfoto: Britta Leuermann

Das könnte Sie auch interessieren: