Mitbestimmung meets Restaurierung: Alte Bänke für neue Begegnungen

Wo man sich hinsetzen kann, kommt man ins Gespräch. Am Emstaler Platz in Tegel Süd ist genau das jetzt wieder möglich – dank neuer, alter Bänke. Vorausgegangen ist ein produktiver Austausch mit der Mieterschaft.

Durch die Lücken zwischen den umliegenden Häusern scheint Frühlingssonne auf den Emstaler Platz. Ende März sitzen Gisela Schneider und Darin Abdulkarim auf einer rosa Bank in Tegel Süd und plaudern. Die Anwohnerinnen sind ein gutes Beispiel dafür, wie Bänke Begegnungen und Gespräche fördern, denn vor einem Jahr hätten sich die beiden Damen hier nicht so einfach treffen können. 

Dabei wohnt Schneider seit 20, Abdulkarim seit zehn Jahren hier im Quartier nahe am Tegeler See. Doch viele Jahre lang fehlten offizielle Sitzgelegenheiten zum Verweilen, Ausruhen oder Begegnen. „Ich kann mich erinnern: Als wir eingezogen sind, waren die Bänke schon weg“, erzählt Schneider. Seit dem Spätsommer 2025 sind sie zurück, als Reaktion auf Wünsche von Anwohnenden

AnwohnerInnen aktiv beteiligt

„Es ist wichtig, dass Mieterinnen und Mieter in die Planung einbezogen werden“, sagt Silke Jensen, die im Wohnungsunternehmen in der Stabsstelle Soziale Quartiersentwicklung arbeitet und an diesem Tag mit zur Bank gekommen ist. In einem Beteiligungsprozess konnte die Anwohnerschaft mit über die Platzierung der Bänke entscheiden. Berücksichtigt wurden dabei Kriterien wie Sonneneinfall, Sichtachsen oder Lärmgefahr. 

Am Ende der Maßnahme zur Schaffung neuer Sitzgelegenheiten wurden auf dem Platz drei Bänke, inklusive einer speziellen Seniorenbank, aufgestellt, was die Aufenthaltsqualität verbessert und den Platz belebt. „Es war schön, unsere Meinung zu äußern und mit zu entscheiden“, sagt Darin Abdulkarim. Es entstehe ein Gefühl von Verantwortlichkeit, wenn man sagt: „Das ist unsere Bank. Wir waren daran beteiligt.“   

Die Bänke waren einst entfernt worden, als dort Probleme mit Lärm und Verschmutzung aufkamen. Die Platzarchitektur mit Häusern ringsherum erzeugt eine Trichterwirkung, die Geräusche verstärkt. Dabei ist der Platz selbst „relativ ruhig“, wie Gisela Schneider sagt. Es gebe viele Geschäfte, einen Supermarkt, eine Apotheke, einen Friseur und einen Bäcker, aber auch viele Leute, die nicht mehr so gut laufen können, erzählt sie. 

Gerade jene freuen sich über Luftholpausen auf der Seniorenbank, die extra hoch ist und über hohe Armlehnen verfügt. „Sie können sich dort ausruhen, wenn sie mit ihrem Stock oder Rollator zur Apotheke gehen“, sagt die 85-Jährige, die sich aber nicht dazurechnet. Sie laufe gerne und viel, nicht zuletzt am Tegeler See. Dort hätte sie aber womöglich nicht Nachbarin Darin Abdulkarim kennengelernt, die schüchtern lächelt.

Nachhaltiger Ansatz, positives Feedback

Vor zehn Jahren floh sie vor dem Bürgerkrieg in ihrem Heimatland Syrien, lernte schnell und gut Deutsch. Nur Menschen kennenzulernen – das war am Anfang schwer. Deutsche gelten nicht immer als kontaktfreudig. „Ich kenne heute viele Leute aus dem Fußballverein meines Sohnes“, sagt sie. Aber Gemeinschaft und Geselligkeit lassen sich im Alltag schwerer herstellen als in Gruppen und Institutionen. 

Daher gibt es in der Kiezstube am Platz viele Angebote, Frauenfrühstücke oder Schülernachhilfe. „Ich habe den Eindruck, es wird viel für Mieter getan, um sie zusammenzubringen“, sagt Gisela Schneider. Picknicks finden allerdings eher auf Spielplätzen rundherum statt. „Ich denke immer an die Kinder und daran, was ihnen gefällt“, sagt Darin Abdulkarim, deren Sohn ebenfalls großen Spaß an der Suche für die perfekten Bankstandorte hatte. 

Mehr Bänke für mehr Austausch

Ob eckig, abgerundet, bunt, mit Lehne oder ohne: Bänke sind niedrigschwellige Orte der Begegnung – an kaum einem Ort lassen sich so unkompliziert Kontakte knüpfen und pflegen.

Weil die Gemeinschaft in den Quartieren davon profitieren kann, hat die Gewobag auch anderenorts zusätzliche Bänke installiert. Allein in den Spandauer Gewobag-Standorten finden sich mehr als 20 neue Sitzgelegenheiten.

Dass der Emstaler Platz autofrei ist, ist für die Jüngsten attraktiv. Noch mehr Spielgeräte wären schön, fände sie, oder weitere Bänke. Auch der Bezirk Reinickendorf stellt vermehrt Sitzbänke auf, im Rahmen einer Kampagne gegen Einsamkeit, die in vielen Kiezen ein Problem ist. „Es gibt viele gute Ideen“, sagt Gewobag-Quartierskoordinatorin Silke Jensen. „Bisher haben wir nur positive Rückmeldungen. Die Bänke werden gut angenommen.“ 

Auch der bunte Look der Bänke werde oft gelobt. Einen gewissen Charme hat zudem, dass sie restauriert wurden. Tatsächlich bestehen die Bänke zum Teil aus dem Material der alten Originalbänke, die von der Gewobag eingelagert wurden, sehr langlebig und nachhaltig sind. Für Gisela Schneider passt dieser Umstand perfekt ins Bild. „Ich finde es  ganz wichtig, dass man sich gegenseitig unterstützt“, sagt sie zum erfolgreichen Bänke-Projekt. „So kann man Orte auch mit kleinen Veränderungen neu beleben.“

Titelfoto: Britta Leuermann

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