Wie ein Berliner Traditionsbäcker der Energiekrise trotzt

Die stark gestiegenen Energiepreise sind für Bäckereien zu einer existenziellen Bedrohung geworden, auch für den Berliner Traditionsbäcker Ralf Rajemann. Warum er trotzdem nicht aufgeben will.

Der Zuspruch ist ungebrochen. „Seit ick umjezojen bin, schaff‘ ick’s nur noch selten hierher“, erklärt die Kundin in der Bäckerei Rajemann über die Ladentheke, „aber dafür koof ick jetzt imma ’n bisschen mehr. Ick frier‘ dit Brot dann ein, dit schmeckt einfach einmalich.“

Warme Worte zu einer tiefgekühlten Taktik, ein wenig wehmütig zwar, aber zugleich aus tiefstem Herzen. Und schöner kann das Lob ja kaum sein. Selbst aufgetaut noch schmackhafter als die frische Ware der Konkurrenz – viel mehr Wertschätzung geht nicht.

„Wir haben Gott sei Dank viele treue Stammkunden“, sagt Bäckermeister Ralf Rajemann, der den Betrieb in der Pappelallee 58 in Prenzlauer Berg in zweiter Generation führt, doch seine Freude bleibt nicht ohne Vorbehalt.

Pappelallee Ecke Schönhauser Allee: Eine Kreuzung, die den Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase einst zum Filmklassiker „Berlin – Ecke Schönhauser“ inspirierte. Foto: Felix Seyfert.

Traditionsunternehmen hin, etablierte Kiez-Instanz her – die stark gestiegenen Energiepreise haben die wirtschaftliche Rezeptur der gesamten Branche ungenießbar gemacht. Was unterm Strich rauskommt, schmeckt aktuell niemandem mehr, doch aufgeben ist für Ralf Rajemann keine Option. Ein Gespräch über schwierigen Zeiten, Leidenschaft für Bäckerhandwerk und die Funktion als sozialer Treffpunkt im Kiez.

Herr Rajemann, wie geht es Ihnen und Ihrer Bäckerei momentan?

Ralf Rajemann: Na ja, wir leben noch. Aber es wird schon eher prekär. So wie im Moment geht es auf jeden Fall nicht weiter.

Die Energie- und Rohstoffpreise sind enorm gestiegen. Was tun Sie, um diese hohen Kosten abzufedern?

Ralf Rajemann: Wir mussten die Preise anziehen, ist ja klar. Ein Brot ist 50 Cent teurer geworden, eine Schrippe 5 Cent. Aber um die gestiegenen Kosten auszugleichen, reicht das bei Weitem nicht.

Wie reagiert Ihre Kundschaft?

Ralf Rajemann: Die nimmt es mit Humor. Preiserhöhungen gibt es ja momentan überall – im Supermarkt und an der Tankstelle genauso wie beim Bäcker. Wir merken schon, dass ein paar Leute wegbleiben oder weniger kaufen, aber wir haben Gott sei Dank viele treue Stammkunden.

Sehen Sie noch Potenzial, um Energie einzusparen?

Ralf Rajemann: Nein, eigentlich nicht. Die Energiespartipps, die ich überall höre, praktizieren wir schon seit Jahren. 40-Watt-Glühbirnen oder ähnliches haben wir nicht mehr.

Seit über 50 Jahren eine Institution im Kiez

Inmitten des immensen Wandels, der in den vergangenen Jahrzehnten rund um die Schönhauser Allee stattgefunden hat, ist die Bäckerei Rajemann in der Pappelallee 58 eine verlässliche Konstante. Ralf Rajemanns Vater führte den Betrieb seit 1971, ehe der Staffelstab im August 1990 an die nächste Generation weitergereicht wurde. So wie einst seine Mutter steht heute Ralf Rajemanns Frau im Laden. An sechs Tagen in der Woche wird hier frisch gebacken.

Ist es überhaupt möglich, eine Bäckerei unter diesen Umständen wirtschaftlich zu betreiben?

Die Frage ist ja immer, was man selbst braucht. Wir betreiben die Bäckerei ja schon ein paar Jahre und haben ein paar Rücklagen. Mit der Gewobag haben wir einen festen Mietvertrag, der uns natürlich eine gewisse Sicherheit gibt, außerdem haben wir keine Schulden. Insofern haben wir „nur“ unsere laufenden Kosten, die wir gerade noch abdecken können. Aber von dem was bleibt, befinden wir uns eher im Segment Mindestlohn. 

Ihren Pankower KollegInnen geht es vermutlich nicht anders.

Ralf Rajemann: Wir treffen uns regelmäßig zu einem Stammtisch. Die Probleme sind überall die gleichen. Alle sagen: Es geht so nicht weiter, das lohnt sich irgendwann nicht mehr. Dann sucht man sich vielleicht lieber eine andere Arbeit.  

Käme das für Sie infrage?

Ralf Rajemann: Wir sind ja schon kurz vor der Rente, deshalb sagen wir eher: Die zwei, drei Jahre ziehen wir das noch durch. Bei jemandem, der Mitte 30 ist, sieht das sicherlich anders aus.

Nicht nur Bäckerei, sondern auch sozialer Treffpunkt: die Bäckerei Rajemann. Foto: Felix Seyfert.

Erinnern Sie sich an ähnliche Situationen? Hatten Sie mal Angst, dass es mit der Bäckerei nicht weitergeht?

Ralf Rajemann: Man sollte das nicht vergleichen, aber Sorgen gab es öfter. Als die D-Mark kam, kam am Anfang kein Mensch mehr hier einkaufen. Wir haben gebacken und abends alles weggeschmissen. In der ersten Zeit hieß es ja, für die Ostschrippe gebe ich keine Westmark aus. Das hat sich gewandelt. Die Schrippe ist wieder im Kommen.

Auch ohne Energiekrise ist das Bäckerhandwerk ein äußerst fordernder Beruf, allein der Arbeitsbeginn um 1.30 Uhr schreckt viele Menschen ab. Stehen Sie immer gern auf?

Ralf Rajemann: Ja. Das ist wirklich eine Berufung.

Was ist es, das Sie an Ihrem Beruf lieben?

Ralf Rajemann: Ich habe ja schon meine Kindheit in der Backstube verbracht. In der DDR-Zeit durfte ich nicht in den Kindergarten, weil meine Eltern selbstständig waren, und das war politisch nicht gewollt. Meine Mutter hat deshalb gesagt: Dann brauchst du auch nicht zu den Pionieren gehen. Die Entscheidung, Bäcker zu werden, war für mich einfach, weil es mir Spaß gemacht hat. Nach der Ausbildung habe ich die ersten zehn Jahre bei meinem Vater mitgearbeitet, nach der Lehre habe ich ein Jahr Pause gemacht. Ich wollte mal keine Schule mehr sehen. Danach habe ich meinen Meister gemacht.

Familientradition: Bäckermeister Ralf Rajemann sagt über sich selbst: „Ich habe schon meine Kindheit in der Backstube verbracht.“ Foto: Felix Seyfert.

Ihr Vater hat die Bäckerei seit 1971 geführt, Sie selbst seit 1990. Inwieweit ist das Ladengeschäft auch ein sozialer Anlaufpunkt im Kiez?

Ralf Rajemann: Gerade in der Corona-Zeit waren wir auch Anlaufpunkt, zum Beispiel für die ältere Frau, die hier nebenan wohnt und schon über 90 ist. Die ruft uns an, wenn sie was braucht. Gerade für die älteren Leute sind wir hier im Kiez schon sehr wichtig, würde ich sagen. Die erzählen von ihren Schwierigkeiten, die sie haben, ob der Hund gestorben ist oder der Vogel. Das gehört einfach dazu. Das ist ja auch das Flair. Man kennt sich. Wir sind ja hier aufgewachsen. Man sieht jetzt die Kinder von den Kindern.

Welche Bedeutung hat es für einen Handwerksbetrieb, über Jahrzehnte am selben Standort zu sein?

Ralf Rajemann: Das ist sehr wichtig, der Standort ist mit uns verbunden. Es kommen auch Leute, die hier früher mal gewohnt haben und einfach mal wieder vorbeischauen. Früher war das hier auch eine bekannte Abkürzung durch die Hinterhöfe, wenn man zur Schönhauser zur U-Bahn wollte. Da ist hier die halbe Straße durchgelaufen.

Beliebt bei Jung und Alt: die Backwaren der Bäckerei Rajemann in der Pappelallee 85 in Prenzlauer Berg. Foto:Felix Seyfert.

Herr Rajemann, Sie haben den Wandel hier im Kiez hautnah erlebt. Aus Ihrer Sicht: Wie hat sich die Ecke Schönhauser Allee, speziell die Pappelallee, in den Jahrzehnten verändert?

Ralf Rajemann: Eigentlich hat sich alles verändert. Die Häuser sind alle gemacht, die Bürgersteige sind gemacht. Das sah hier vor 30 Jahren alles komplett anders aus, gar nicht vergleichbar. Vom Optischen her hat es sich auf alle Fälle zum Positiven verändert.

Vielen Dank für das Gespräch!

Photos © Felix Seyfert

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