Schuster mit Herz: Gil Gutmanns neue Heimat in der Seelingstraße 16. Februar 2026Lesedauer: 4 Min. Artikel anhören Player schließen Nachdem er seine früheren Gewerberäume verlassen musste, hat der Schuhmacher eine neue Heimat bei der Gewobag gefunden. Eine Geschichte über Veränderung, findige Ideen und das Hochhalten von Tradition. Ordentlich aufgereiht stehen sie hinter dem Tresen: 35 Paar und drei einzelne Schuhe, die darauf warten, abgeholt zu werden. Schuhmacher Gil Gutmann greift ein Paar heraus – blank polierte Herrenschuhe aus braunem Leder, die er repariert hat. „Schauen Sie mal, das mag ich am liebsten. Man würde niemals sehen, dass der Absatz oder die Sohlen gemacht worden sind“, sagt er und streicht versonnen über das glatte Material. Jetzt Newsletter abonnieren und nichts mehr verpassen! E-Mail Ich stimme zu, dass die Gewobag mir per E-Mail den Newsletter zusendet und dabei die auf mich bezogenen Nutzungsstatistiken auswertet. Die Datenschutzerklärung habe ich gelesen. Meine Einwilligung kann ich jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen. Abonnieren Schon als 20-Jähriger hat Gil Gutmann seine erste Schuhmacherei eröffnet. 25 Jahre lang betrieb er ein Geschäft im Horstweg am Sophie-Charlotte-Platz, doch in Sommer 2024 erhielt er plötzlich eine Kündigung und musste sich neue Räumlichkeiten suchen. „Die E-Mail kam um 16:58 Uhr, eine Stunde vor Feierabend“, erinnert sich Gutmann, der in Kiew geboren wurde, nach seinem ersten Lebensjahr mit den Eltern nach Israel zog und als Zehnjähriger nach Deutschland kam. In einer anderen Gegend noch einmal von vorn anzufangen? Das konnte er sich nur schwer vorstellen. Neustart in Räumen der Gewobag Eine Kundin gab ihm den Tipp, in der Charlottenburger Seelingstraße zu schauen, wo eine Gewerbeeinheit der Gewobag verfügbar war. „Wir haben uns für das freistehende Ladengeschäft etwas Besonderes vorgestellt. Eine Branche mit hohem Nutzwert und Versorgungsfunktion für unsere MieterInnen und die anderen AnwohnerInnen im Kiez, die sich zudem gut in den bestehenden Branchenmix einreiht“, erklärt Joerg Schnorbus, Abteilungsleiter Gewerbe bei der Gewobag. „Als uns die Anfrage von Herrn Gutmann erreichte und wir die Chance sahen, ein aussterbendes Gewerbe im Kiez zu erhalten, wussten wir gleich, dass das Konzept in unser Geschäft passt, wie ein maßgefertigter Schuh!“ Gil Gutmann vor seinem Ladengeschäft in der Seelingstraße 18. Foto: Felix Seyfert Vielfältiges Angebot: Schusterei, Schlüsseldienst, Änderungsschneiderei. Foto: Felix Seyfert Schuhmacher Gil Gutmann bei der Arbeit. Foto: Felix Seyfert Ein Blick auf die Schlüssel-Rohlinge im Ladengeschäft. Foto: Felix Seyfert Nun also findet sich Gutmanns Meisterstube in der Seelingstraße 18, in einer Reihe mit der „Humboldt Kaffeemanufaktur“, wo Menschen sitzen, die noch Zeitung lesen, und dem „Brotgarten“, in dem das Korn seit 40 Jahren selbst gemahlen wird. Ein anderer Schuster in der Gegend hatte seinen Betrieb vor Jahren aufgegeben, auch ein Schlüsseldienst war verschwunden. Gutmann bietet in seinem Laden beides an. „Ich wüsste gar nicht, wo ich sonst hingehen soll“, sagt Psychologe Jens Wagner, der mit seiner Praxis im Horstweg zehn Jahre lang Gil Gutmanns Nachbar und Kunde war. Seit dessen Umzug im Jahr 2025 kommt er regelmäßig in das neue Geschäft in der Seelingstraße, um Schuhe reparieren oder Schlüssel nachmachen zu lassen. Und es gibt noch mehr Bedarf: Ein Mann steckt den Kopf durch die offene Ladentür: „Hey, sag‘ mal, hast du auch Uhrenbatterien?“, fragt er. 15 Minuten später fragt eine Frau: „Haben Sie Schnürsenkel?“ Traditionelles Handwerk mit frischer Business-Idee Tatsächlich geht das Angebot weit über Schusterei und Schlüsseldienst hinaus, denn zum Geschäft gehört auch eine Änderungsschneiderei. Wer den Laden betritt und links durch den Torbogen blickt, kann der Schneiderin zusehen, wie sie hinter der Nähmaschine am Fenster sitzt. Am häufigsten werden Kleidungsstücke zum Kürzen gebracht, allerdings hat die Schneiderin noch eine andere Aufgabe, verrät Gil Gutmann: 2007 hat er das Unternehmen Mikrofon-Windschutz-Gutmann gegründet. Inzwischen bietet er Überzüge für rund 800 verschiedene Mikrofonmodelle an. Im hinteren Bereich des Ladens lagert er die Felle, vorn schneidert die Näherin die unterschiedlichen Ausführungen für Smartphones, interne und externe Mikrofone. Die meisten Produkte verkauft Gil Gutmann online und verschickt die Ware. „Zusammenhalt und Austausch gehören in den Kiez – und die Schuhmacherei ist ein Geschäft mit Tradition und offener Tür.“ Joerg Schnorbus,Abteilungsleiter Gewerbe Vermutlich wäre es finanziell sogar rentabler, sich zu 100 Prozent auf dieses Business zu konzentrieren, doch das kommt für Gil Gutmann nicht infrage, denn dann würde ihm etwas sehr Wichtiges fehlen. „Was ich an meinem Beruf am meisten liebe, ist das Quatschen“, sagt er lachend. So empfiehlt er dem Passanten, der nach Uhrenbatterien gefragt hatte, ein Geschäft um die Ecke und gibt eine ausführliche Wegbeschreibung. Einer potenziellen Kundin, die sich nach dem Preis für die Reparatur ihrer Bluse und ihrer Sommerschuhe erkundigt, nimmt er alle Sorgen, indem er ihr vorab sagt, über welchen Betrag er nicht gehen wird. Danach tauschen die beiden sich über die leckeren Croissants aus, die es nebenan im Brotgarten gibt. Zusammenhalt und Austausch im Kiez „Zusammenhalt und Austausch gehören in den Kiez. Das war auch mit ein Grund, warum wir uns mit der Schuhmacherei für einen handwerklichen Betrieb entschieden haben“, sagt Joerg Schnorbus. „Das ist ein Geschäft mit Tradition und offener Tür, und die positive Resonanz der KiezbewohnerInnen bestätigt uns in unserer Entscheidung.“ Die offene Tür war es auch, die es der oben erwähnten Dame mit Bluse und Sommerschuhen leicht machte, das Gespräch zu suchen. Sie wohnt in der Nähe der Deutschen Oper und sagt: „Ich komme oft zum Kaffeetrinken her und habe den Betrieb auf dem Rückweg entdeckt. Bei uns gibt es auch einen Schneider, aber der Laden war nicht so vertrauenserweckend.“ „Was ich an meinem Beruf am meisten liebe, ist das Quatschen“ sagt Gil Gutmann. Foto: Felix Seyfert Traditionsreiches Arbeitsgerät: die Nähmaschine. Foto: Felix Seyfert Dass die Schusterei eine gelungene Mischung aus Tradition und Moderne ist, zeigt sich auch im Look des Ladengeschäfts – sei es in der der goldfarbenen, in Spachteltechnik gestalteten Wand, einer aus Holz gefertigten Lampe über dem Tresen oder einer Wanduhr mit sichtbarer Mechanik. „Das haben alles mein Sohn und meine Frau gemacht, nur der Tresen war meine Idee“, sagt Gil Gutmann. Er wirkt zufrieden an seinem neuen Standort. „Die Leute sind alle so nett hier“, sagt er. Und sie sind dankbar. Sie hatte ihre Schuhe in Ermangelung von Alternativen zunächst selbst geklebt, verrät die Dame mit der Bluse und den Sommerschuhen. „Das hat nicht so gut funktioniert. Wenn die Schuhe jetzt noch eine Saison halten, bin ich richtig happy.“ Gutmann Schuhmacherei, Schlüsseldienst, Änderungsschneider & Mikrofon-Windschutz Seelingstraße 18 14059 Berlin Telefon: 030 321 71 86 Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 9-18 Uhr, Samstag 9-13 Uhr. Mehr zum Unternehmen Titelfoto: Felix Seyfert
Gutmann Schuhmacherei, Schlüsseldienst, Änderungsschneider & Mikrofon-Windschutz Seelingstraße 18 14059 Berlin Telefon: 030 321 71 86 Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 9-18 Uhr, Samstag 9-13 Uhr. Mehr zum Unternehmen
Berlins Reparatur-Plattform Repami: „Es ist oft so leicht, Dinge zu reparieren“ Das Netzwerk Repami hilft dabei, defekte Dinge wieder nutzbar zu machen. „Oft ist nur ein Kabel locker“, sagt Frieder Söling, einer der Macher hinter der Plattform. Im Interview erklärt er, wie die BerlinerInnen von den Angeboten profitieren – und warum kleine Reparaturen große Wirkung haben können.
Dunkle Räume heller machen: 7 einfache Tipps für mehr Licht Mit ein paar einfachen Kniffen werden dunkle Zimmer schnell heller und freundlicher, sei es durch smart genutzte Lichtquellen, clevere Einrichtung oder die richtige Farbwahl. Den entscheidenden Unterschied machen oft kleine Details.