Erinnerungsort und Symbol der Mahnung: Ein Platz für Nikki 30. April 2026Lesedauer: 4 Min. In der Dolgenseestraße in Lichtenberg haben Nachbarinnen und Nachbarn einen Gedenkort für eine Frau geschaffen, die dort im August 2024 ermordet wurde. Eine rote Bank erinnert jetzt an sie – und macht ein wichtiges Thema sichtbarer. Vor der Hausnummer 9d in der Dolgenseestraße warten 40 Rosenstöcke in Töpfen darauf, eingepflanzt zu werden. Eine Frau kniet am Boden und sammelt vereinzelte Papierschnipsel auf. Es ist ein Samstag Ende April, 14.30 Uhr. Wenn um 15 Uhr die Gedenkveranstaltung beginnt, soll der Eingangsbereich besonders einladend aussehen. Jetzt Newsletter abonnieren und nichts mehr verpassen! E-Mail Ich stimme zu, dass die Gewobag mir per E-Mail den Newsletter zusendet und dabei die auf mich bezogenen Nutzungsstatistiken auswertet. Die Datenschutzerklärung habe ich gelesen. Meine Einwilligung kann ich jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen. Abonnieren Die engagierte Nachbarin heißt Salome. Sie lebt schon seit einigen Jahren im Lichtenberger Gewobag-Quartier und ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass wenige Meter neben der Haustür eine Grünfläche entstanden ist, die an diesem Tag zum Gedenkort wird. Unterstützt wird Salome von NachbarInnen und AktivistInnen. Aus der Nachbarschaft herausgerissen Zentral in der Mitte steht eine rote Bank mit einer goldenen Plakette und der Aufschrift: „Zum Gedenken an unsere Nachbarin Nikki. Ermordet am 30.08.2024. Stoppt Femizide!“ Nikki war im August 2024 von ihrem ehemaligen Lebensgefährten in der Dolgenseestraße getötet worden. Sie hinterließ zwei kleine Kinder. „Nikki und ihre Kinder haben über uns gewohnt. Ihr Tod war ein großer Verlust. Sie war ein Teil von unserem Alltag“, sagt Nachbarin Katja, die sich ebenfalls für die Einweihung des Gedenkortes vor dem Hauseingang eingefunden hat. Sie wohnt seit Oktober 2020 in der Dolgenseestraße 9d. Ihr Sohn besuchte mit Nikkis Sohn die Schmetterlings-Grundschule, die Töchter der beiden Frauen hätten im September 2024 gemeinsam eingeschult werden sollen. „Wir haben noch gemeinsam die Einschulungsfeier geplant und dann ist es passiert“, sagt Katja. Symbol der Mahnung: die rote Bank samt Gedenkplakette. Foto: Ralph Maak Nach dem Tod ihrer Nachbarin hätten viele Leute aus dem Kiez Blumen, Briefe und Kerzen vor der Haustür abgestellt, erzählt Katja. „Aber das ist ja nichts von Dauer. Blumen verwelken, Zettel werden vom Wind weggeweht. Viele hatten den Wunsch, ein Zeichen zu setzen und eine dauerhafte Erinnerung zu schaffen“, sagt sie. Dauerhafter Ort des Gedenkens Seit Mitte April steht die rote Bank vor der Dolgenseestraße 9d – auch, weil Salome die Initiative übernahm und die Gewobag nach einer Lösung für einen möglichen dauerhaften Gedenkort fragte. „Ich finde es toll, dass Salome so aktiv war. Meine Kinder finden es auch gut, dass hier nun etwas steht, das an Nikki erinnert“, sagt Katja. Hilfe bei Häuslicher Gewalt BIG e.V. bündelt vielfältige Hilfsangebote, um gegen Häusliche Gewalt vorgehen zu können. Dazu zählt eine Hotline, die rund um die Uhr erreichbar ist. BIG Hotline für telefonische Beratung bei Häuslicher Gewalt: 030 611 03 00 Zur BIG-Beratung Die Gewobag stellte die Fläche zur Verfügung, finanzierte die Bank und die Bepflanzung. Dass der dazugehörige Prozess mehr als ein Jahr dauerte, lag nicht zuletzt an bürokratischen Hürden, ändert aber nichts an der Intention. „Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das weit über den furchtbaren Einzelfall hinausgeht“, sagt Gewobag-Quartierskoordinator Moritz Graf. „Wir möchten einen Teil dazu beitragen, die gesellschaftliche Dimension von Femiziden sichtbarer zu machen und Menschen für das Problem zu sensibilisieren.“ Ein Symbol, das sichtbar macht „Rote Bänke“ (italienisch: panchine rosse) sind ein internationales Projekt und ein eindringliches Symbol gegen Gewalt an Frauen und Femizide. Sie stehen als Mahnmal für Frauen, die durch geschlechtsspezifische Gewalt – oft durch Partner oder Ex-Partner – verletzt oder getötet wurden. Die Initiative entstand 2014 in Turin und verbreitete sich als Symbol gegen Gewalt in den öffentlichen Raum. Rote Bänke gelten international als eindringliches Symbol gegen Gewalt an Frauen und Femizide. Foto: Ralph Maak Die Bänke sollen das Thema aus der Tabuzone holen. „Es wird Zeit, dass diese Fälle sichtbar gemacht werden, dass das ernst genommen wird, dass Beratungsstellen und sichere Orte für Frauen unterstützt und verstärkt und nicht gekürzt werden“, sagt Nachbarin Sarah*. Sie hat eine Weile in der Dolgenseestraße gewohnt, jetzt lebt sie fünf Minuten weiter in der Mellenseestraße. Auf die Frage, ob sie sich seit dem Femizid im Kiez unsicherer fühle, sagt sie: „Ich fühle mich sehr sicher in dem Kiez hier. Ich denke, es geht auch weniger um den Kiez. Was der Fall von Nikki auch gezeigt hat, ist, dass die meisten Vorfälle im Hinblick auf Gewalt an Frauen aus dem familiären Umfeld kommen. Das ist oft nicht im Bewusstsein der Menschen, die nicht davon betroffen sind.“ Gemeinsam pflanzen, gemeinsam erinnern Etwa 20 Menschen haben sich zur Einweihung des Gedenkortes vor der Dolgenseestraße 9d versammelt. Salome hätte sich gewünscht, dass es mehr sind. Da die Organisation so lange gedauert hat, haben viele den Vorfall wieder aus dem Fokus verloren. Auch wurden einige Hausaushänge oder Einwürfe in die Briefkästen mit Hinweis auf die Veranstaltung zerrissen. „Ich versteh nicht, warum so etwas passiert“, sagt Salome. Das nachbarschaftliche Engagement zeigt sich auch in bewegenden Worten. Foto: Ralph Maak Gemeinsamer Akt: die Bepflanzung des Beetes an der Gedenkbank. Foto: Ralph Maak Das Dolgensee-Center im Lichtenberger Stadtteil Friedrichsfelde. Foto: Ralph Maak Auf die rote Bank aber gab es bislang viele positive Rückmeldungen. Viele Menschen bleiben stehen und lesen, was dort steht. Das ist gut“, sagt Salome. Heute sollen die Rosenstöcke drumherum eingepflanzt werden. Außerdem sprechen Vertreterinnen und Vertreter vom Stadtteilkomitee Lichtenberg und vom Solidaritätsnetzwerk: „Es ist wichtig, dass wir als Nachbarinnen und Nachbarn zusammenstehen. Zusammenstehen heißt Hinsehen statt Wegsehen“, sagt Line* vom Stadtteilkomitee. „Schließt euch mit euren Nachbarinnen und Nachbarn zusammen, lernt euch kennen, damit wir uns gegenseitig unterstützen können“, sagt Nike vom Solidaritätsnetzwerk. Musik statt Schweigen Statt einer Schweigeminute spielt Salome das Lied „Thana“ von der Sängerin Tayna. Der Text des Liedes feiert Stärke, Unabhängigkeit und weibliche Ermächtigung. „Ich glaube, wir Frauen haben schon genug geschwiegen“, sagt Salome. „Nikki war sehr lebendig, fröhlich und hat viel gelacht – ihre Lieblingssängerin war Tayna, deshalb spielen wir jetzt ihre Musik und machen uns an die Arbeit“, fügt sie an. Zu den Klängen beginnen die Teilnehmenden, die Rosenstöcke rund um die rote Bank einzupflanzen. Nach etwa 20 Minuten sind alle Pflanzen eingesetzt, anschließend werden Gießkannen verteilt, um das Beet gemeinsam zu wässern. „Und wer möchte, kommt noch mit ins Café Wostock zum gemeinsamen Abendessen und Filmabend“, sagt Salome. Was ist ein Femizid? Femizide sind weit mehr als Trennungstötungen durch Partner oder Ex-Partner: Sie schließen alle Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts ein – die Ermordung einer Frau, die sich von ihrem gewalttätigen Partner trennen will, ebenso wie die Tötung im Namen der sogenannten „Ehre“, die Ermordung von Sexarbeiterinnen, die Tötung von Transfrauen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder die gezielte Ermordung von Frauen aufgrund frauenfeindlicher Ideologien. Der Begriff macht deutlich, dass es sich nicht um Einzeltaten handelt, sondern um eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt mit gesellschaftlichen Wurzeln. In Deutschland gibt es bislang keine einheitliche rechtliche Definition des Begriffs. Das Bundeskriminalamt (BKA) erfasst daher „Tötungsdelikte zum Nachteil von Frauen“ als Annäherung. Im Jahr 2024 wurden 132 Frauen durch ihren (Ex-)Partner getötet, 328 Frauen wurden insgesamt Opfer vollendeter Tötungsdelikte. Weniger als alle vier Minuten erlebte eine Frau Partnerschaftsgewalt – 2024 waren das 135.713 Frauen. Studien zeigen, dass nur ein Bruchteil der Gewalttaten polizeilich bekannt wird – die Anzeigequoten liegen bei den meisten Gewaltformen unter zehn Prozent. Mehr Infos zur Gewalt gegen Frauen *Namen von der Redaktion geändert Titelfoto: Ralph Maak
Hilfe bei Häuslicher Gewalt BIG e.V. bündelt vielfältige Hilfsangebote, um gegen Häusliche Gewalt vorgehen zu können. Dazu zählt eine Hotline, die rund um die Uhr erreichbar ist. BIG Hotline für telefonische Beratung bei Häuslicher Gewalt: 030 611 03 00 Zur BIG-Beratung
Was ist ein Femizid? Femizide sind weit mehr als Trennungstötungen durch Partner oder Ex-Partner: Sie schließen alle Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts ein – die Ermordung einer Frau, die sich von ihrem gewalttätigen Partner trennen will, ebenso wie die Tötung im Namen der sogenannten „Ehre“, die Ermordung von Sexarbeiterinnen, die Tötung von Transfrauen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder die gezielte Ermordung von Frauen aufgrund frauenfeindlicher Ideologien. Der Begriff macht deutlich, dass es sich nicht um Einzeltaten handelt, sondern um eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt mit gesellschaftlichen Wurzeln. In Deutschland gibt es bislang keine einheitliche rechtliche Definition des Begriffs. Das Bundeskriminalamt (BKA) erfasst daher „Tötungsdelikte zum Nachteil von Frauen“ als Annäherung. Im Jahr 2024 wurden 132 Frauen durch ihren (Ex-)Partner getötet, 328 Frauen wurden insgesamt Opfer vollendeter Tötungsdelikte. Weniger als alle vier Minuten erlebte eine Frau Partnerschaftsgewalt – 2024 waren das 135.713 Frauen. Studien zeigen, dass nur ein Bruchteil der Gewalttaten polizeilich bekannt wird – die Anzeigequoten liegen bei den meisten Gewaltformen unter zehn Prozent. Mehr Infos zur Gewalt gegen Frauen
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